Wenn gute Umsätze nicht mehr genug sind

Die Insolvenzzahlen in der Steiermark steigen, große Betriebe geraten unter Druck und internationale Entwicklungen machen wirtschaftliche Entscheidungen schwieriger. René Jonke, KSV1870 Standortleiter in Graz, erklärt, was ihm derzeit Sorgen bereitet und warum Unternehmen gerade jetzt genauer hinschauen sollten.

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Die Unternehmensinsolvenzen in der Steiermark sind im ersten Halbjahr um 3,4 Prozent gestiegen. Im österreichweiten Vergleich fällt diese Entwicklung auf, denn bundesweit gab es sogar einen leichten Rückgang von einem Prozent. Trotzdem warnt René Jonke davor, die Zahlen isoliert zu betrachten.

„Seit Corona steigen die Zahlen wieder. Allerdings kamen wir 2021 von einem historischen Tiefststand“, erklärt der KSV1870 Standortleiter in Graz. Langfristig betrachtet habe die Steiermark vergleichbare Insolvenzzahlen bereits vor der Pandemie erlebt. Ein anderer Aspekt bereitet ihm jedoch Sorgen: „Mittlerweile sind viele große Betriebe betroffen. Das sieht man auch an der Explosion der Passiva. Ein Plus von 244 Prozent spricht Bände.“

Damit geht es längst nicht nur um einzelne Unternehmen. Wo große Arbeitgeber in Schwierigkeiten geraten, sind viele Arbeitsplätze betroffen.

Industrie besonders unter Druck

Ein beträchtlicher Teil der Insolvenzen kommt laut Jonke derzeit aus der Industrie und der Herstellung von Waren. Globale Spannungen, hohe Kosten und internationaler Wettbewerb treffen die Steiermark mit ihrer starken Industrie besonders.

Auch der Automotive Bereich steht vor großen Veränderungen. „Die Steiermark ist ein Autocluster und spürt die starke Konkurrenz aus China“, sagt Jonke. Für Unternehmen seien verlässliche Rahmenbedingungen deshalb besonders wichtig. Investitionsentscheidungen würden langfristig getroffen und könnten nicht ständig neuen Voraussetzungen angepasst werden.

René Jonke, KSV1870 Standortleiter in Graz
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René Jonke, KSV1870 Standortleiter in Graz

Gleichzeitig zeigt die Entwicklung, dass hohe Umsätze allein noch keine Sicherheit bieten. Auch Unternehmen, die von einem Umsatzrekord zum nächsten eilen, können wirtschaftlich ins Wanken geraten. Rückläufige Gewinne und sinkende Liquidität können Warnsignale sein, selbst wenn das Geschäft nach außen gut läuft.

„Auch wenn die Oberfläche glänzt.“

Genau hier kommt professionelles Risikomanagement ins Spiel. Durch Globalisierung und Digitalisierung müssen Unternehmen heute Entwicklungen im Blick behalten, die weit über den eigenen Standort hinausgehen.

Jonke empfiehlt deshalb, Geschäftspartner nicht nur zu Beginn einer Zusammenarbeit zu prüfen. Besonders wichtig seien bestehende Kunden: „Man kann zehn Jahre mit Unternehmen zusammenarbeiten, aber innerhalb von zwölf Monaten kann viel passieren.“

Regelmäßige Bonitätsprüfungen können dabei helfen, Veränderungen frühzeitig zu erkennen. Das gilt auch bei Unternehmen mit hohen Umsätzen. „Daher stets das Rating checken, auch wenn die Oberfläche glänzt“, rät Jonke.

Nicht weniger wichtig ist der Blick auf das eigene Unternehmen. Verschlechtert sich die eigene Bonität, können Zahlungsbedingungen restriktiver und Finanzierungen teurer werden. Auch Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten oder wichtigen Produkten sollten regelmäßig hinterfragt werden.

Digitalisierung, neue Technologien und regulatorische Anforderungen haben die möglichen Anwendungsbereiche im Gläubigerschutz deutlich erweitert. So können Unternehmen beispielsweise Adressen überprüfen, Bonitätsinformationen über Personen bzw. Unternehmen einholen oder Geschäftspartner im Rahmen eines Compliance-Checks prüfen. Auch Cyberrisiken lassen sich mittlerweile systematisch bewerten.

Gleichzeitig werden viele Prüfprozesse digitaler und einfacher. Beim Onboarding neuer Kunden können etwa Identitäts- und Unternehmensdaten geprüft und Know-Your-Customer-Prozesse digital unterstützt werden. Der KSV1870 setzt dafür unter anderem auf seine Tochter FINcredible. Technische und rechtliche Entwicklungen wie PSD2 haben dafür neue Möglichkeiten geschaffen. Für Unternehmen bedeutet das vor allem: Prüfungen, die früher mit größerem manuellem Aufwand verbunden waren, lassen sich heute unkomplizierter und der Regulatorik entsprechend in bestehende Abläufe integrieren.

Offene Rechnungen rechtzeitig im Blick haben

Auch offene Forderungen können schnell zur Belastung für die eigene Liquidität werden. Jonke empfiehlt deshalb, Rechnungen konsequent zu stellen, rasch zu mahnen und bei Bedarf professionelle Unterstützung im Inkasso in Anspruch zu nehmen. Gerade bei langjährigen Geschäftsbeziehungen mag das unangenehm sein. Zu langes Abwarten kann jedoch dazu führen, dass Zahlungsschwierigkeiten eines Kunden das eigene Unternehmen belasten.

Warum Finanzbildung schon in der Schule beginnt

Ein Thema liegt Jonke auch persönlich besonders am Herzen: die Finanzbildung junger Menschen. Seit Jahren besucht er Schulen und spricht dort über Verschuldung und den richtigen Umgang mit Geld. „Über die Jahre bin ich ein gern gesehener Gast geworden und solche Besuche sind mir ein Herzensanliegen.“

Was Jugendlichen beim Umgang mit dem ersten eigenen Geld hilft, hat letztlich auch im Wirtschaftsleben Bedeutung: finanzielle Entwicklungen verstehen, Warnzeichen erkennen und Entscheidungen nicht unnötig aufschieben. Denn gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten kann es entscheidend sein, Probleme zu erkennen, solange noch genügend Handlungsspielraum vorhanden ist.

Entstanden in Kooperation mit KSV1870.