Kleine Zeitung als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen.

Gregor Kovačič: „Heute bin ich absolut gegen solche Wettbewerbe“

Dirigent Gregor Kovačič aus Loibach spricht über Druck und Perfektionismus in der Musik und was er an „seiner“ Jauntaler Trachtenkapelle Loibach besonders schätzt.

 Dirigent Gregor Kovačič in seinem eigenen kleinen Konzertsaal mit Klavier, den er sich in Loibach eingerichtet hat
© Weichselbraun Helmuth Kleine Zeitung
Dirigent Gregor Kovačič in seinem eigenen kleinen Konzertsaal mit Klavier, den er sich in Loibach eingerichtet hat
Simone Jäger
Redakteurin Regionalredaktion Lavanttal & Völkermarkt

Sie unterrichten Dirigieren am Mozarteum in Salzburg, sind Chefdirigent des Salzburger Landesblasorchesters, der Kammerharmonie Salzburg, des Blasorchesters Ravne in Slowenien und der Jauntaler Trachtenkapelle Loibach, zu der wir später noch kommen. Sie nehmen für Ihre Kunst ganz schön viele Wege in Kauf – woher kommt diese Hingabe? Aus der Familie?

Gregor Kovačič: Ja, ich bin definitiv familiär vorbelastet. Schon mein Opa war Laien-Trompeter und hat eine Blaskapelle gegründet. Mein Vater hat in der Oper in Maribor im Orchester Klarinette gespielt, ebenso wie einige Tanten und Onkel. Ich habe dort selbst ein paar Jahre Klarinette gespielt, meine Frau Tatjana Bratsche. Meine Schwester Barbara spielt heute noch Geige im Orchester. Wir sind der Musik also sehr verbunden.

Haben Sie diese Verbundenheit zur Musik auch an Ihre beiden Töchter weitergegeben?

Klara hat in der Grundschule Geige gespielt, Aneli spielt gut Klavier, aber sie haben beide gesagt, dass sie es nicht hauptberuflich machen möchten. Aber sie genießen die Musik und ab und zu spielen sie für sich selbst. Heute Profi-Musiker zu sein, ist wirklich hart. Auf einem Top-Level zu spielen ist wie Leistungssport. Der Druck ist groß, es geht hauptsächlich um höher, schneller, weiter und „besser“. Ich fühle mich mit 49 zwar noch jung, bin es aber eigentlich nicht mehr – heutzutage möchte ich nicht noch einmal als junger Musiker anfangen müssen. Ich war früher als junger Klarinettist sehr motiviert und habe an vielen nationalen und internationalen Wettbewerben teilgenommen. Heute bin ich absolut gegen solche Wettbewerbe.

Der Dirigent im Gespräch mit Kleine Zeitung-Redakteurin Simone Jäger
© Helmuth Weichselbraun
Der Dirigent im Gespräch mit Kleine Zeitung-Redakteurin Simone Jäger

Warum?

Man kann das Leben nicht nach Punkten bewerten – und die Musik genauso wenig. Ich singe Bariton, Sie singen Sopran – wer ist nun besser? Spielen die Berliner oder die Wiener Philharmoniker besser? Beide machen großartige Musik. Wenn wir anfangen, Punkte zu vergeben, verliert die Kunst für mich an Wert. Die Zusammenarbeit auf der Bühne ist viel wertvoller, und dafür kann man keine Punkte vergeben. Ich sehe viele junge Musiker, die während ihrer Ausbildung sehr erfolgreich an zahlreichen Wettbewerben teilnehmen, sich danach aber schwertun, ihren eigenen musikalischen Weg zu finden und herauszufinden, was wirklich zu ihnen passt.

Wie sind Sie eigentlich von der Klarinette zum Dirigieren gekommen?

Ich hatte die Möglichkeit, mit einigen der besten Dirigenten zu arbeiten, zum Beispiel Kirill Petrenko, der jetzt die Berliner Philharmoniker leitet, oder Nello Santi, der einer der besten Operndirigenten war. Was sie in den Musikern bewegt haben und was sie für eine Energie gebracht haben, das hat mich beeindruckt. Ich finde es wichtig, nicht „nur“ zu singen oder ein Instrument zu spielen, sondern auch versuchen, zu dirigieren, zu komponieren, zu arrangieren, zu lesen und insbesondere andere Kunstformen zu beobachten, um den eigenen Horizont zu erweitern. Seit ich dirigiere, spiele ich auch anders Klarinette, weil ich einen anderen Blickwinkel darauf habe. Ich achte nicht mehr nur darauf, dass für mich und mein Instrument alles perfekt ist. Und was heißt schon perfekt?

Ja, was heißt es?

Fast jeder Profi-Musiker ist nach einem Auftritt nicht mit sich zufrieden, weil er dieses oder jenes noch besser hätte machen können – auch wenn er schon im Wiener Musikverein spielt. Damit wären wir wieder bei diesem ständigen Wettbewerb und Leistungsdruck. Ich gehe normalerweise nicht in Jurys, aber bei einem Bewerb in Tirol haben sie mich gebeten, nur darauf zu achten, wie die Dirigenten mit den Musikern im Orchester zusammenarbeiten. Ich musste keine Punkte vergeben. Ich war von jedem Orchester und jedem einzelnen Dirigenten beeindruckt. Jeder hat es auf seine Art gemacht und wenn man nicht durch Punkte schauen muss, etwas wunderbares erschaffen.

1 / 2
Gregor Kovačič mit der Jauntaler Trachtenkapelle und dem weltbekannten Jazzmusiker Karlheinz Miklin im Jahr 2016
Gregor Kovačič mit der Jauntaler Trachtenkapelle und dem weltbekannten Jazzmusiker Karlheinz Miklin im Jahr 2016 © Kk/privat

Tirol, Salzburg, Slowenien, Kärnten – Sie sind sehr viel unterwegs. Ihre Heimat ist seit 2017 die ehemalige Volksschule in Loibach/Libuče. Wird das so bleiben?

Ja, wird es. Wenn man so viel unterwegs ist, ist es eigentlich egal, wo man wohnt und ich fühle mich hier sehr wohl.

Und hier in Loibach sind Sie auch Kapellmeister der Jauntaler Trachtenkapelle (JTK). Viele sprechen noch mit Stolz und Freude von der Eröffnung der Wiener Festwochen, die Sie 2025 mit der JTK gespielt haben. Das war sicher ein besonderes Erlebnis?

Ja, natürlich. Wenn jedes Jahr eine andere Kapelle auf so einer Bühne auftreten dürfte, ist das eine große Herausforderung und hat mehr Wert als 100 Punkte bei einem Wettbewerb. Die JTK und die Freunde im Orchester waren auch einer der wichtigsten Gründe, warum ich mit meiner Familie nach Loibach gezogen bin. Es ist schön, mit diesen Musikerinnen und Musikern zu arbeiten und ich habe freie Hand in meinem Tun. Sie sind sehr offen für verschiedene Ideen und Spielweisen und sagen klar, was sie wollen. Das ist auch im Profibereich sehr selten.

Konzert mit dem Philharmonischen Orchester Slowenien
© Eva Križaj
Konzert mit dem Philharmonischen Orchester Slowenien

Wie kamen Sie eigentlich zum Dirigieren von Blasmusikorchestern? Sucht man sich das aus?

Ich bin mit der symphonischen Musik sehr eng verbunden und genieße sie sehr. Mein Vater hat mich zur Blasmusik gebracht. Sie bietet eine unglaublich breite Palette an musikalischen Möglichkeiten, und ich durfte dadurch schon viele wunderschöne und besondere musikalische Erlebnisse erfahren. Es stellt sich hier aber auch eine ganz andere Frage: Es gibt zum Beispiel im gehobenen Amateurbereich kaum sinfonische Orchester, obwohl viele Kinder in der Musikschule Streichinstrumente lernen. In ganz Slowenien gibt es vielleicht zwei oder drei solcher Orchester, aber fast jedes Dorf hat seine eigene Blasmusikkapelle. So ähnlich ist es auch in Kärnten. Ich weiß auch nicht, woran das liegt.

Sie sind auch Buchautor. Vor zwei Jahren erschien Ihr erstes Buch „Dirigieren oder dirigiert werden“, nun steht das zweite „Essenz des Dirigierens“ kurz vor der Veröffentlichung.

Mit dem ersten Buch wollte ich etwas schaffen, damit sich jeder, der das Buch durchgeht und der vor einem Orchester steht, sich als Dirigent fühlen kann. Ich habe lange gebraucht, um mich als Dirigent zu fühlen. Man muss ja viel mehr können, als das Dirigieren an sich. Dazu gehört auch Psychologie und zu wissen, wie man wo helfen kann, und wo besser nicht, um ein Ziel zu erreichen. Das zweite Buch ist spezifischer und widmet sich der Dirigiertechnik. Man kann sagen, das erste Buch ist für jeden Interessierten geeignet, das zweite richtet sich an die Leute die tiefer in die Welt des Dirigierens einsteigen und sich in diesem Bereich weiterbilden möchten.

Bei einem Konzert mit der Prager Philharmonie
© KK
Bei einem Konzert mit der Prager Philharmonie

Welche Auftritte stehen bei Ihnen als nächstes an?

Im Oktober spielen wir ein Kirchenkonzert mit der JTK in der Wallfahrtskirche Heiligengrab. Wir spielen Stücke von Händel und Bach, aber auch beinahe „klassisch“ gestaltete Arrangements der Beatles, von denen selbst die größten Komponisten noch etwas lernen könnten. Es ist sehr wichtig, solche Veranstaltungen von Vereinen zu besuchen und die zu unterstützen – seien es Musikkapellen oder Chöre. So zeigen wir unsere Wertschätzung für die Menschen, die mit so viel Engagement Musik machen und tragen gleichzeitig dazu bei, dass diese Vereine auch in Zukunft weiterleben können.

Zur Person

Gregor Kovačič (49) wurde in Maribor in Slowenien geboren und hat als Klarinettist die Musikhochschule in Ljubljana mit Auszeichnung abgeschlossen. Er ist Chefdirigent des Salzburger Landesblasorchesters, der Kammerharmonie Salzburg, des Blasorchesters Ravne und des Blasorchesters Loibach (JTK Loibach). Seit 2025 lehrt er das Fach Dirigieren im Universitätslehrgang für Blasorchesterleitung an der Universität Mozarteum in Salzburg. Er lebt seit 2017 mit seiner Familie in Loibach/Libuče in der Gemeinde Bleiburg/Pliberk, wo er das ehemalige Volksschulgebäude kaufte.