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Was passiert, wenn sich ein Klassikkritiker zu Andrea Bocelli ins Stadion verirrt?

Der italienische Klassik-Popstar bespielte das Ernst-Happel-Stadion. Das wirft Fragen auf, die sich vor Ort nur wenige stellen.

Andrea Bocelli im Happel-Stadion
© Daniel Scharinger
Andrea Bocelli im Happel-Stadion
Jens F. Laurson

Wenn man sich als Klassikkritiker in einem Stadion wiederfindet, dann schrillen die inneren Alarmglocken. Eine Fußballarena ist nicht der geeignete Ort, um die Nuancen der klassischen Musik detailliert wiederzugeben. Schlimmer noch: Es scheint sich hier um etwas Populäres zu handeln – dem natürlichen Feind des Kultursnobs. Und in der Tat, Andrea Bocelli, seit drei Jahrzehnten eine nicht wegzudenkende akustische Zutat zahlloser italienischer Restaurants nördlich der Alpen, war nach Wien ins Ernst-Happel-Stadion gekommen. Wohin es auch 30.000 Fans zog, um dem Schlagerstar auf seiner „Romanza 30th Anniversary-Tour“ zu lauschen.

Kontrovers wird der seit Kindheit blinde Bocelli freilich nur deshalb diskutiert, weil der populäre Tenor auch ins Fahrwasser der klassischen Musik gespült wurde. Und dort immer nach den falschen Kriterien gemessen wird, wie fast alle Klassik-Popper: Richard Clayderman, André Rieu, David Garrett, Il Divo, Katherine Jenkins. Für jemanden, der in der Klassikszene zuhause ist, muss die Popularität dieser Figuren unverständlich sein.

Bocelli ist kein guter Sänger

Liegt es daran, dass sich die Hochkultur im Populären nicht wohlfühlen kann? Gewiss: Es ist ihr innerer Widerspruch, dass sie beliebt sein und trotzdem exklusiv bleiben will – da könnte ja sonst jeder kommen. Aber es geht um anderes: Diese Künstler unterlaufen die althergebrachten Qualitätsansprüche, sie missachten hehre Regeln. Bocelli ist, nach den objektiven Maßstäben der Klassik, kein guter Sänger, auch wenn er drei Mal mit Pavarotti zusammen gesungen hat. Um das zu bemerken, muss man nicht die Aufnahme mit ihm im Verdi Requiem (Gergiev, Decca) hören – aber es würde helfen.

Andrea Bocelli
© IMAGO/Daniel Scharinger
Andrea Bocelli

Was ärgert nun den Snob so sehr, wenn Bocelli „La donna è mobile“ nudelt, mit einem nicht näher erwähnten Orchester, das als solide Klangwand aus den Lautsprechern plärrt und die Trommelfelle reizt? Es ist nicht die Popularität per se. Eher, dass hier etwas den Schein erweckt, etwas zu sein, was es nicht ist – und dafür gefeiert anstatt entlarvt wird. „That’s not the real thing“, will man wild gestikulierend zurufen. Es ist – frei nach Jean Baudrillard – bestenfalls ein Symbol, schlimmstenfalls ohne Original. So wie gefärbter Karpfen kein Wildlachs ist, Nescafé echtem Kaffee nur oberflächlich ähnelt und „50 Shades of Grey“ zwar 514 Seiten hat, aber deshalb noch nicht als Literatur durchgeht. Bocelli et al. sind bestenfalls die Illusion von Hochkultur, so praktisch verpackt, dass man sich nichts strecken muss, um in ihren Genuss zu kommen.

Ein hinreißend schmalziges Popkonzert

Aber hier kommt die gute Nachricht: Der Markt sortiert sich selbst. Die Anzahl der Fans gepflegter Oper im Ernst-Happel-Stadion: geschätzt zwei. Der Rest genießt es. Wer hier glücklich ist, wäre nicht eigentlich glücklicher in „Tristan und Isolde“ oder bei Christian Gerhaher. Keine arme Seele, die sich, im Irrglauben hier „Klassik“ zu finden, ins Stadion verirrt hat, muss gerettet werden. Oder hinterher darüber aufgeklärt, dass Bocelli keine Atemtechnik hat, sein Tonumfang beschränkt ist, er im Tiefen und im Hohen klein und gequält klingt und ansonsten wässrig. Stattdessen konnte man einfach ein hinreißend schmalziges Popkonzert genießen, mit Häppchen aus dem klassischen Repertoire: ein bisschen aus dem „Barbier von Sevilla“, „Au fond du temple saint“ von Bizet, „O Fortuna“ von Orff, Rodrigo und Morricone.

Große Inszenierung im Stadion
© Daniel Scharinger
Große Inszenierung im Stadion

Wo ein Bariton benötigt wurde, war Roberto De Candia zur Stelle. Wo eine hohe Stimme: Sopran, DJ und Lifecoach Cristina Păsăroiu. Wo eine Fidel: die Wiener Klassikpopgeigern Rusanda Panfili. Und wo eine Popsängerin: Andrea Lykke. Schade, dass diese Unterstützer unerwähnt blieben, denn sie waren für über die Hälfte des Programms zuständig – und so manchen Höhepunkt. Auch Bocelli-Filius Matteo durfte im Duett ran. Bel nepotismo. Schließlich das, worauf alle gewartet hatten: „Time To Say Goodbye“ und als Rausschmeißer ein liebenswert schräges „Nessun dorma“, das durch den Prater schallte.