Wie lebt man weiter, wenn die Familie stirbt, Frau Pachl-Eberhart?
Vor 18 Jahren verlor Barbara Pachl-Eberhart ihren Mann und ihre beiden Kinder. Und doch kann sie heute wieder Glück empfinden. Ein Gespräch über Gott, Glück und Zuversicht.

Sie haben durch einen Verkehrsunfall 2008 Ihren Mann und Ihre beiden Kinder verloren. Und doch sprechen wir heute über Zuversicht. Wie haben Sie das geschafft?
Barbara Pachl-Eberhart: Ich glaube, ein Riesenvorteil von mir war, dass ich sehr wenig über Krisen wusste. Ich hatte bis dahin ein glückliches Leben. Es gibt verschiedene Arten von Krisen. Es gibt Krisen, die vor allem vor einem liegen und bei denen man sich viele Sorgen machen und unzählige Möglichkeiten durchdenken muss. Meine Krise war anders. Da war eigentlich schon alles passiert. Und ich bin sehr froh, dass ich im Krankenhaus so viel Wahrheit bekommen habe. Die Ärzte haben mich nicht in falscher Hoffnung gelassen. Was meinen Sohn betraf, war klar: Es ging darum, gut Abschied zu nehmen. Bei meiner Tochter hingegen war zunächst alles offen. Die beiden lagen in Betten nebeneinander. Ich habe diese beiden Arten von Krisen ständig erlebt: das Klare und das Ungewisse. Und als schließlich alle gestorben waren, war alles klar. Dann musste ich damit umgehen. Ich glaube, diese Energie des Umgangs mit dem, was tatsächlich ist, ist auf eine seltsame Art leichter zu handhaben als dieses diffuse, ungewisse Gefühl.
Sie haben kurz nach dem Tod Ihrer Kinder einen Brief an Freunde verfasst. Warum?
Der eigentliche Antrieb war die Angst, dass sich niemand mehr trauen würde, mit mir zu reden. Ich fürchtete mich, allein zu sein, weil alle einen Heidenrespekt vor meiner Situation haben oder nicht wissen, wie sie mit mir umgehen sollen. Das ist auch etwas, das ich Menschen gerne mitgebe: Wir können nicht immer alles von anderen erwarten. Bitten zu können und Hilfe anzunehmen, ist eine Fähigkeit, die viele von uns vernachlässigen. Denn vieles von dem, was vor uns liegt, werden wir ohnehin nur gemeinsam bewältigen können.
Es ist bei dem einen Brief nicht geblieben.
Viele Menschen antworteten auf mein E-Mail: „Unfassbar, was du uns alles mitteilst. So haben wir das noch nie gesehen. Bitte schreib weiter.“ Also kaufte ich mir ein Tagebuch – das erste seit meinem 13. Lebensjahr – und einen schönen Stift. Zuerst begann ich, Briefe an meine drei Verstorbenen zu schreiben. So konnte ich für mich den Kontakt aufrechterhalten. Und dann besuchte ich in Graz in der Sommerschule eine kleine Schreibwerkstatt. Eine Übung war: „Denk dir ein Buch aus, das es nicht gibt, und schreib für dieses Buch ein Inhaltsverzeichnis.“ Das hat mir Spaß gemacht. Auf dem Heimweg dachte ich: Wenn ich jetzt ein Buch über diese Ereignisse in meinem Leben schreiben würde – wie würde das Inhaltsverzeichnis aussehen? So hat alles angefangen. Das Tagebuch habe ich weitergeführt, als Briefe nach drüben. Und auch das Buch „Vier minus drei“ hat ursprünglich als Brief begonnen – an meinen damaligen neuen Partner. Ich wollte ihm noch einmal erzählen, wer ich vorher gewesen war, wer ich mit meiner Familie war und wer diese Menschen waren, die nun unsichtbar immer um mich herum waren.
Zur Person
Barbara Pachl-Eberhart (52) verlor im März 2008 ihren Mann Heli (38) und ihre beiden Kinder Thimo (6) und Fini (2) bei einem Verkehrsunfall an einem unbeschrankten Bahnübergang in der Steiermark.
Nach diesem Schicksalsschlag begann sie mit dem Schreiben, woraus die Autobiografie „Vier minus drei“ entstand. Das Buch wurde 2026 verfilmt und ist seit dem 20. August als Blu-ray und Streaming erhältlich.
Pachl-Eberhart lebt in dritter Ehe mit ihrer Tochter (9) in Wien.
War das Ihre Therapie?
Ich habe nicht als Therapie geschrieben. Ich bin in Therapie gegangen. Und ich hatte einen Grundsatz: Ins Buch kommen nur Dinge, die ich für mich bereits geklärt habe – Dinge, über die ich aus offenem Herzen Auskunft geben kann. Ich wollte ein Buch schreiben, das Menschen Kraft gibt, weil ich selbst gerne ein solches gelesen hätte. Rückblickend kann ich allerdings sagen: Natürlich war das Schreiben therapeutisch – nur auf eine andere Weise. Für mich ist eines der therapeutisch wirksamsten Dinge überhaupt, kreativ zu sein und sich kreativ auszudrücken.
Für viele Menschen ist es schwer vorstellbar, sich mitten im Schmerz wieder dem Glück zuzuwenden. Kann beides existieren?
Zuerst habe ich mich nicht für mich selbst dem Guten zugewandt, sondern für meine Kinder. Ich habe mir vorgestellt, dass sie mir jetzt zuschauen und sicher wollen, dass es mir gut geht. Ich weiß noch genau, wie ich zum ersten Mal nach dem Unfall eine Walderdbeere gefunden habe. Früher hätte ich sie sofort meinem Sohn oder meiner Tochter in den Mund gesteckt. In diesem Moment habe ich innerlich wie mit einem Augenzwinkern gesagt: „Und jetzt nehme ich sie. Für euch.“ Ein „Für“ zu haben – einen Menschen, eine Idee, eine Vision oder einen Wert, für den man etwas tut – ist meiner Meinung nach leichter, als nur zu denken: „Ich muss jetzt schauen, dass es mir gut geht.“ Ich halte nichts vom Zusammenreißen. Aber ich halte sehr viel von etwas, das größer ist als die Krise. Ich glaube, es gibt in unserem Leben immer etwas, das größer und wichtiger ist als die Krise.
Sind Sie seither gläubiger?
Auf jeden Fall. Wenn Menschen fragen: „Wo war Gott, als das passiert ist?“, kann ich nur antworten: Ich weiß, wo er war – nämlich bei mir. Ich bin die ganze Zeit auf seinem Schoß gesessen. Für mich ist Gott nicht irgendwo weit weg vom Leben und zieht von dort aus die Fäden. Gott ist im Leben, und das Leben ist in Gott. Das Leben beinhaltet auch den Tod. Es gibt kein Leben ohne den Tod. Gott muss uns also nicht vor dem Leben schützen. Seine Aufgabe ist für mich vielmehr, uns zu begleiten und zu stützen. Nach dem Unfall war es, als hätte mir jemand plötzlich eine Brille aufgesetzt. Ich sah dasselbe wie vorher, nur viel klarer. Damals hatte ich wirklich das Gefühl, ich könne in den Himmel hineinschauen – und zwar nicht nur nach oben, sondern mitten in das Leben.
Hat Sie der Tod dem Leben nähergebracht?
Ja, das kann man schon sagen. Und auch der Kostbarkeit des Lebens. Wenn man selbst erlebt, wie schnell alles von einem Moment auf den anderen vorbei sein kann, ist man dankbar, wenn man am nächsten Tag wieder aufwacht. Ich glaube, dass das Leben in uns unglaublich stark ist. Ich vertraue darauf, dass etwas in uns am Leben sein will, gesund sein will und einen Weg finden will – körperlich, geistig und spirituell. Ich glaube, wir haben unglaubliche Kräfte, die erst dann kommen, wenn wir sie brauchen. Ich glaube deshalb auch: Helden sind keine Supermenschen, die sofort die richtige Antwort haben. Helden sind Menschen, die aufrecht und wach den nächsten Schritt machen. Viel mehr gibt es wahrscheinlich gar nicht zu tun.
Können Sie heute sagen, dass Sie glücklich sind?
Ja, irrsinnig. Mein Begriff von Glück hat sich allerdings erweitert. Früher bedeutete Glück für mich vor allem, dass gerade kein Problem da ist. Wenn nichts Negatives passiert und mich nichts stört, dann bin ich glücklich. 2008 habe ich erlebt, was es bedeutet, mitten in tiefster Trauer glücklich zu sein – über eine Tasse Tee, über ein gelungenes liebes Wort oder über einen neuen Tag, an dem es mir aus irgendeinem Grund besser geht als am Abend zuvor. Manchmal war ich sogar glücklich über einen heftigen Heulanfall, weil die Tränen endlich wieder fließen konnten. Heute gehört all das zu meinem Glücksbegriff. Es gibt so vieles, was uns im Unglück unterstützen und trösten kann. All das gehört für mich inzwischen zum Glück. Früher war ich glücklich über irgendetwas. Heute bin ich einfach glücklich, am Leben zu sein und im Leben zu sein.

Es gibt den Satz: „Die Zeit heilt alle Wunden.“ Wohl nicht alle, oder?
Ich würde sagen: Damit Wunden wirklich gut heilen können, braucht es Zeit. Aber die Zeit allein heilt die Wunden nicht. Die Zeit ist ein Faktor. Das Leben hilft sehr viel dabei – und unsere eigene Lebenskraft. Auch der Zufall spielt eine Rolle. Heilung ist kein linearer Prozess. Manchmal passiert etwas, das plötzlich heilsam ist. Und professionelle Hilfe kann sehr wichtig sein. Der Gedanke, man müsse alles allein oder ausschließlich im engen Freundeskreis bewältigen, kann für alle Beteiligten sehr belastend sein. Professionelle Helfer können Dinge, die normale Freunde nicht können.
Was bedeutet für Sie ein gelungener Trauerprozess?
Mein Lieblingsmodell ist: Es gibt zwei Inseln. Die eine Insel steht für Gefühle, Vergangenheit, Spiritualität und Trauer. Die andere steht für Alltag, Zukunft und das Weiterführen des Lebens. Wenn etwas passiert, landet man zunächst auf einer dieser beiden Inseln. Am Anfang wird man zwischen diesen Inseln hin- und hergeworfen. Plötzlich kommt die Trauer, und man weiß gar nicht warum. Oder man trauert intensiv und bekommt gleichzeitig einen Brief vom Finanzamt mit der Aufforderung, die Steuererklärung abzugeben. Mit der Zeit und mit wachsender Erfahrung im Trauern findet man immer mehr Wege zwischen den beiden Inseln. Ein gelungener Trauerprozess bedeutet für mich, dass man diese Wege irgendwann selbstbestimmt gehen kann. Das Ziel von Trauerarbeit ist nicht, irgendwann nicht mehr traurig zu sein. Das wäre unsinnig, denn Traurigkeit gehört zum Leben. Das Ziel ist vielmehr, bewusster mit den Dingen umgehen zu können, nicht mehr völlig ausgeliefert zu sein, sondern sich den Dingen freiwillig zuzuwenden, die gerade dran sind.