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NGO in Kenia: Genitalverstümmelung trotz Verbot verbreitet

In Kenia ist weibliche Genitalverstümmelung verboten. Dennoch sind in manchen Regionen über 90 Prozent der Mädchen und Frauen davon betroffen, berichtete Eve Merin, Geschäftsführerin der NGO "Enkakenya Sidai", die sich in der Massai-Region Kajiado für Frauen einsetzt. "Die Gesetze werden nur sehr unzureichend durchgesetzt", sagte Merin zur APA. Zudem gebe es kein entsprechendes Reporting-Instrument und die zuständigen staatlichen Stellen würden wegsehen.

In einigen Communitys in Kenia ist FGM weiterhin stark verbreitet
© APA/AFP
In einigen Communitys in Kenia ist FGM weiterhin stark verbreitet

Bei einer "Female Genital Mutilation" (FGM) werden die äußeren weiblichen Geschlechtsorgane ohne medizinischen Grund ganz oder teilweise entfernt. In den Orten, in denen Merin arbeitet, nutzen die Beschneider dafür meist eine Rasierklinge. Die Mädchen werden von anderen Frauen festgehalten, sie bekommen keine Betäubungsmittel, ihre Wunde wird nicht richtig versorgt.

Hilfsorganisationen schätzen, dass weltweit etwa 230 Millionen Mädchen und Frauen von FGM betroffen sind. Sie leiden mitunter noch lange an Schmerzen, haben möglicherweise ein vermindertes Sexualempfinden, Schwierigkeiten beim Urinieren, können von Infektionen oder Unfruchtbarkeit betroffen sein, und auch Komplikationen bei Geburten zählen zu den möglichen Langzeitfolgen.

Die landesweite Verbreitung von FGM ist in Kenia zwar kontinuierlich zurückgegangen und lag laut dem Statistischen Bundesamt 2022 bei etwa 15 Prozent. Doch die Raten variieren stark nach Region und ethnischer Gruppe. Bei der Massai-Bevölkerung in Kajiado sei die Praxis viel weiter verbreitet, in manchen Dörfern liege sie bei über 90 Prozent, erzählte Merin.

"Es ist hier eine kulturelle Norm. Es gibt die Überzeugung, dass eine Frau, die sich einer Genitalverstümmelung unterzogen hat, eine vollwertige Frau ist, eine intelligente Frau - was im Widerspruch zu den Erkenntnissen der Wissenschaft steht", sagte Merin. Die meisten Frauen seien nie in die Schule gegangen, ihr gesamtes Wissen stamme von ihren Vorfahren - die ebenfalls Analphabeten seien. "Der Analphabetismus trägt also in hohem Maße zur Praxis der Genitalverstümmelung bei."

Besonders hoch ist die Rate in den Orten nahe der Grenze zu Tansania, berichtete Merin. Dort seien die Regeln, Vorschriften und Gesetze nicht so klar formuliert wie in Kenia. "Wenn wir also starken Druck auf die kenianische Seite ausüben, bringen sie die Kinder weg und lassen die Beschneidungen in Tansania durchführen; sobald sie genesen sind, holen sie sie wieder zurück."

Zwar habe Merin in der jüngeren Generation einen Paradigmenwechsel beobachtet - mehr junge Leute würden die Tradition hinterfragen. Gleichzeitig seien die Betroffenen immer jünger: Sie müssen jetzt Mädchen zwischen fünf und neun Jahren schützen.

Doch auch innerhalb der kenianischen Grenzen bestehen Hürden. So werde das Gesetz, das die Praxis verbietet, nur unzureichend durchgesetzt. "Die staatlichen Strukturen, die eigentlich dazu gedacht sind, die Mädchen und Kinder zu schützen, erfüllen ihre Aufgabe nicht wirksam", kritisierte Merin. "Sie verschließen die Augen davor und lassen es einfach stillschweigend geschehen."

Zudem gebe es kein Reporting-Instrument für Fälle von Genitalverstümmelung. "Auch wenn wir Gerichtsverfahren führen, verlieren wir letztendlich den Kampf, weil der Fall nicht gut dokumentiert ist. Selbst auf den Polizeistationen, wo Fälle gemeldet werden, wissen die Polizisten nicht, wie sie FGM strafrechtlich verfolgen sollen", berichtete die Aktivistin.

Um die Praxis zu beenden, braucht es nicht nur Gesetze. Merins NGO kämpft vor allem durch Bildung und Aufklärung. Unterstützung bekommt sie dabei auch von der österreichischen Organisation The Rain Workers. Die Initiative bildet in Kenia und anderen afrikanischen Ländern Fachleute von lokalen Partnern aus, die in ihren Communitys sexualpädagogische Aufklärung betreiben - sogenannte Rain Workers.

Mit diesem Community-Ansatz habe man großen Erfolg gehabt, berichtete Ines Kohl, Geschäftsführerin bei The Rain Workers, der APA. Themen wie sexuelle Gesundheit seien zwar stark tabubehaftet. "Aber wenn es in der lokalen Sprache und von Leuten aus der Community gemacht wird, funktioniert es besser, als wenn das Wissen aus dem globalen Norden kommt. Mit diesem postkolonialen Schema wollen wir brechen." Gerade beim Thema FGM sei die Expertise vor Ort ohnehin viel größer.

Die Rain Workers sind meist in Teams, bestehend aus Männern und Frauen, unterwegs. Es sei wichtig, auch Männer in die Diskussion einzubeziehen. Denn sie spielen beim Thema Genitalverstümmelung eine wichtige Rolle. "Männer sind die Hüter der Gemeinschaftskultur, sie sind die Beschützer der Familien und sie sind die Eigentümer der Finanzen und des Viehs, das zur Finanzierung von FGM genutzt wird", erklärte Merin. "Wir können den Kampf gegen FGM also nicht gewinnen, ohne die Männer mit ins Boot zu holen."

Das Problem der Genitalverstümmelung dürfe man nicht als isoliertes Phänomen begreifen, sagte Merin, sondern müsse im Kontext von sexualisierter Gewalt gegen Frauen, sexueller und reproduktiver Gesundheit oder auch Bildung gesehen werden: Mädchen, die einer Genitalverstümmelung unterzogen wurden, würden oft früher die Schule abbrechen, weil sie als Teenagerinnen schwanger werden oder jung heiraten.

"Obwohl wir sehr hart daran arbeiten, die Denkweise der Gemeinschaft zu ändern, sind wir noch nicht am Ziel", sagte Merin. "Wir haben noch einen langen Weg vor uns, denn wir müssen uns gegen tief verwurzelte Traditionen der Gemeinschaft stellen, um eine Gesellschaft ohne FGM zu erreichen."

(Von Alissa Hacker/APA)