Ukraine: 35. Unabhängigkeitstag inmitten russischer Angriffe
Am Montag begeht die Ukraine ihren 35. Unabhängigkeitstag. Gefeiert wird der Tag inmitten des russischen Angriffskriegs, der die Frage nach der ukrainischen Eigenstaatlichkeit erneut ins Zentrum gerückt hat. Zugleich ist der Nationalfeiertag Anlass, auf die Entstehung des ukrainischen Staates und die Entwicklung einer eigenständigen nationalen Identität zurückzublicken. Darüber sprach die APA mit der Historikerin und Ukraine-Expertin Kerstin Susanne Jobst.

Am 24. August 1991 erklärte das Parlament der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik die Unabhängigkeit der Ukraine. Vorausgegangen war ein gescheiterter Putschversuch gegen den sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow. Die Unabhängigkeitserklärung wurde am 1. Dezember in einem landesweiten Referendum bestätigt: Mehr als 90 Prozent der Ukrainerinnen und Ukrainer stimmten für die Unabhängigkeit. Auch auf der Krim gab es eine Mehrheit, allerdings fiel die Zustimmung mit 54 Prozent deutlich geringer aus als in der restlichen Ukraine.
Im selben Monat unterzeichneten Russland, die Ukraine und Belarus die Belowescher Vereinbarungen, mit denen das Ende der Sowjetunion besiegelt wurde. Österreich erkannte die unabhängige Ukraine am 15. Jänner 1992 an.
Der Weg in die Unabhängigkeit kündigte sich schon länger an. Jobst verweist im Gespräch mit der APA auf die Vorzeichen des Niedergangs der Sowjetunion: eine schwere Wirtschaftskrise, politische Probleme und Ereignisse wie die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986 hätten die Krise des Systems deutlich gemacht. Gleichzeitig seien die nationalen Bewegungen innerhalb der Sowjetunion stärker geworden.
Mit dem Ende der Sowjetunion entstanden fünfzehn unabhängige Staaten, die sich in den folgenden Jahrzehnten politisch und wirtschaftlich sehr unterschiedlich entwickelten. Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen orientierten sich früh nach Westen und traten 2004 der EU und der NATO bei. Andere ehemalige Sowjetrepubliken entwickelten sich hingegen zu autoritären Regimen. In Aserbaidschan, Belarus, Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan etablierten sich politische Systeme, in denen Wahlen weitgehend symbolischen Charakter haben und Opposition und Medien stark eingeschränkt sind. Dazwischen liegen Staaten wie Georgien, Armenien, Moldau und die Ukraine, deren politische Entwicklung von wiederholten Krisen und Machtwechseln geprägt war.
Jobst betont, dass die Ukraine im postsowjetischen Vergleich trotz aller Defizite eine relativ starke demokratische Entwicklung erfahren hat. Es gab regelmäßige Wahlen und mehrfach legitimierte Machtwechsel. Gerade die Orangene Revolution 2004/05 und der Euromaidan 2013/14 seien Ausdruck eines wiederkehrenden politischen Willens großer Teile der Bevölkerung gewesen, demokratische Mitbestimmung und eine stärkere Orientierung nach Westen einzufordern.
Am 30. Unabhängigkeitstag der Ukraine im August 2021 wurde die Geschichte des Landes in einer Aufführung am Maidan nachgezeichnet. Die besonders nationsstiftenden Ereignisse der ukrainischen Geschichte wurden dargestellt - Kiewer Rus, Kosakenzeit, Holodomor, der Zweite Weltkrieg, Sowjetukraine und schließlich die Unabhängigkeit.
Die ukrainische Nationsbildung knüpfte laut Jobst unter anderem an die Kiewer Rus und die Kosaken an. Die Kiewer Rus - ein mittelalterliches Großreich der Ostslawen, das vom 9. bis zum 13. Jahrhundert bestand - wurde dabei zu einem historischen Bezugspunkt ukrainischer Identität. Zugleich weist Jobst darauf hin, dass es zu dieser Zeit noch keine Ukrainer oder Russen im modernen nationalen Sinn gab. Der "Kosakenmythos" wurde dagegen besonders häufig für die Konstruktion einer von Russland unterschiedenen ukrainischen Identität herangezogen. Aus der Geschichte der Kosaken habe sich ein wichtiger Strang der ukrainischen Nationsbildung entwickelt.
Im Kontext der ukrainischen Unabhängigkeitsbestrebungen waren der Holodomor - die große Hungersnot unter Stalin, der Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer zum Opfer fielen - und die AKW-Katastrophe von Tschernobyl wichtige Bestandteile der kollektiven Erinnerung. Beide Ereignisse wurden mit der Politik der sowjetischen Führung gegenüber der ukrainischen Bevölkerung verbunden und für die Herausbildung einer eigenständigen ukrainischen Identität herangezogen. Jobst zufolge waren diese Erinnerungen bereits während der Unabhängigkeitsbestrebungen in den 1990er-Jahren zentral und wurden seither immer wieder aufgegriffen.
Russlands Präsident Wladimir Putin nutzt Geschichte, um die politische Eigenständigkeit der Ukraine infrage zu stellen. In seinem 2021 veröffentlichten Aufsatz "Über die historische Einheit von Russen und Ukrainern" bezeichnet er Russen und Ukrainer als "ein Volk" und stellt ihre Geschichte als gemeinsame Entwicklung dar. Die Kiewer Rus erscheint darin als gemeinsame historische Grundlage. Zugleich führt Putin die heutigen Grenzen der Ukraine wesentlich auf Entscheidungen der sowjetischen Führung zurück und bezeichnet die moderne Ukraine als "vollständig und ganz ein Produkt der Sowjetzeit".
Dem steht ein ukrainisches Staatsverständnis gegenüber, das die eigene Staatlichkeit und politische Selbstbestimmung betont. Dabei geht es nicht nur um eine ethnisch verstandene Nation. Jobst verweist darauf, dass sich nach 1991 auch Menschen mit russischer Muttersprache oder russischen familiären Wurzeln als Angehörige des ukrainischen Staates verstanden. Die gemeinsame ukrainische Identität habe sich damit zunehmend über die Zugehörigkeit zum Staat und nicht ausschließlich über Sprache oder Herkunft definiert.
Die Beziehungen der ehemaligen Sowjetrepubliken zu Russland entwickelten sich nach 1991 unterschiedlich. Während einige Staaten ihre Unabhängigkeit durch eine stärkere Distanzierung von Russland absicherten, strebten andere eine enge politische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit Moskau an.
Die Ukraine versucht, ihre eigenständige Kultur und Geschichte zu stärken, während Russland die Eigenständigkeit der Ukraine seit Beginn des Krieges zunehmend infrage stellt. Anlässlich des Nationalfeiertags soll heuer eine neue nationale Tradition eingeführt werden: ein "Unabhängigkeitskuchen".
Eine nationale Initiative sammelt dafür Rezepte aus Gemeinden, Militärbrigaden und Bataillonen, Restaurants und Schulen, aus denen ein Gewinner ausgewählt werden soll. Im Mittelpunkt steht die Förderung der ukrainischen Kultur. Neben dem Wettbewerb finden in der ganzen Ukraine Theatervorführungen, Ausstellungen und Konzerte statt.
Die Feierlichkeiten finden vor dem Hintergrund des anhaltenden russischen Angriffskrieges statt. Am Freitag wurde in Kiew ein Trauertag ausgerufen, nachdem bei einem russischen Luftangriff am Vortag zwölf Menschen getötet worden waren.
(Von Manuela Risak/APA)