Martin Weberhofer: „Sinkende Marktanteile machen mir keine Sorgen“
Der neue Kärntner Landesdirektor Martin Weberhofer über seine Pläne für das ORF-Landesstudio, sinkende Marktanteile, Kritik an der Berichterstattung und Frauen in Führungspositionen.

Der Favorit hat sich durchgesetzt und wird neuer Landesdirektor des ORF Kärnten. Womit haben Sie Generaldirektor Clemens Pig überzeugt?
MARTIN WEBERHOFER: Ich kenne den ORF Kärnten wie meine Westentasche, arbeite seit 36 Jahren hier. Ich stehe also für Kontinuität, aber auch für einen Aufbruch. In meinem Bereich haben wir uns schon mehrfach neu erfunden.
Wie viel Neuerfindung und Aufbruch sind in der Nachfolge von Karin Bernhard notwendig?
Wir haben ein völlig neues Mediennutzungsverhalten, die Jungen konsumieren nicht mehr linear, sondern digital. Verändert haben sich auch die finanziellen Rahmenbedingungen und die Konkurrenzverhältnisse. Die Mitbewerber sind nicht hier, sondern jenseits des Atlantiks.
Wie wird sich Ihr Alltag verändern? Was wollen Sie umsetzen, was als Programmchef nicht gelungen ist?
Das Zusammenspiel zwischen den Abteilungen lässt sich noch stärken. Ich werde auch manches, etwa technische Ressourcen, mit mehr Nachdruck einfordern. Selbst moderieren wird nicht mehr möglich sein. Deswegen habe ich mir die Bewerbung lange überlegt, weil ich weiß, was ich da aufgebe. Seit 1996 fahre ich etwa in der Vorweihnachtszeit mit Christbäumen durchs Land. Das werde ich heuer noch einmal machen und am 23. Dezember dann wohl die eine oder andere Träne vergießen.
Zur Person
Martin Weberhofer (53) übernimmt mit 1. Jänner 2027 die Leitung des ORF-Landesstudios Kärnten. Er folgt auf Karin Bernhard und wird Chef von über 100 Mitarbeitern. Weberhofer begann vor 36 Jahren parallel zu einem BWL-Studium als freier Mitarbeiter beim ORF, seit 2007 ist er als Programmchef für Inhalte und Strategie von Radio Kärnten verantwortlich.
Zum Weinen ist auch, was rund um den ORF in den vergangenen Monaten passiert ist – von der Causa Roland Weißmann bis hin zu fristlosen Trennungen von hochbezahlten Managern. Wie sehr ist das Image des ORF ramponiert?
Integrität sollte in einem öffentlich-rechtlichen Unternehmen selbstverständlich sein. Die Fälle zeigen, wie wichtig Compliance ist. Ich merke aber, dass die Menschen sehr gut unterscheiden. Unterwegs vom Mölltal bis ins Lavanttal habe ich keine negative Meldung über den ORF bekommen. Die Leute nehmen das Landesstudio und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Teil der Familie und Begleiter von früh bis spät wahr.
Diese „Familie“ wird aber immer kleiner. Radio Kärnten hatte vor zehn Jahren mehr als 45 Prozent Marktanteil, jetzt sind es nur noch knapp über 30 Prozent. Warum laufen Ihnen die Hörerinnen und Hörer davon?
Das tun sie nicht, da muss man genau hinschauen. Je mehr Anbieter es gibt – österreichweit sind es schon über 80 Radiostationen – desto geringer sind die Marktanteile einzelner. Wir sind nach wie vor mit Abstand in der Pole-Position.
In der Altersgruppe 14 bis 49 erreichte Radio Kärnten im letzten Radiotest nur noch 13 Prozent Marktanteil. Besorgt Sie diese Entwicklung gar nicht?
Wenn ich mir die Marktanteile bei den über 35-Jährigen anschaue, mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Das ist unsere relevante Zielgruppe. Wir können auch Menschen, die vielleicht mit anderen Musikformaten nicht mehr so viel anfangen können, zu uns überführen. Generell schauen wir nicht so sehr auf Altersgruppen, sondern auch auf Sinus-Milieus, also gesellschaftliche Gruppen. Andreas Gabalier und Conchita Wurst würden etwa vom Alter her in dieselbe Zielgruppe fallen, sind aber in völlig anderen Lebenswelten.

Ruhen Sie sich nicht auf Lorbeeren aus, die es nicht mehr gibt, wenn Sie betonen, dass Kärnten das erfolgreichste Landesstudio ist?
Nein, Radio ist unglaublich konstant. Es gibt Nachjustierungsbedarf, aber mit Veränderungen muss man angesichts jahrzehntelanger Gewohnheiten sorgsam umgehen. Das Frühjournal um 6.45 Uhr ist etwa bei unseren Hörern so etwas wie genetisch einprogrammiert. Über die Jahrzehnte hat sich aber viel getan – früher sind wir schief angeschaut worden, wenn wir fremdsprachige Titel gespielt haben.
Verändert hat sich auch das Interesse an der täglichen Fernsehsendung „Kärnten heute“. Vor fünf Jahren waren es noch weit über 100.000 tägliche Zuschauer, zuletzt waren es im Schnitt nur noch 87.000. Erlischt das „virtuelle Lagerfeuer“, wie Sie es in der Sendung kürzlich nannten?
Insgesamt sinkt die Zahl der Menschen, die lineares Fernsehen schauen, aber unsere Marktanteile sind quasi unverändert. Wir werden im gesamten ORF noch stärker auf den On-Demand-Bereich setzen, um dem veränderten Nutzungsverhalten zu entsprechen. Dass sich um 19 Uhr das ganze Land vor dem Fernseher versammelt, wird man nicht mehr haben.
Sie wollen näher zu den Menschen. War das der ORF bislang zu wenig?
Nein, überhaupt nicht. Die Nähe hat uns schon immer ausgezeichnet. Edi Finger Senior prägte den Satz: Stehplatz statt VIP-Tribüne. In einer Gesellschaft mit immer mehr Anonymität machen bei uns Menschen aus Fleisch und Blut das Programm.
Nähe kann auch eine falsche Nähe sein. Hat das Landesstudio Angst anzuecken oder kritisch hinzuschauen?
Nein. Es ist unsere Aufgabe, fair, unabhängig, objektiv zu berichten und wenn wo etwas passiert, ist es selbstverständlich unsere Aufgabe das auch aufzuzeigen.
Den Vorwurf belangloser Sendungen können Sie nicht nachvollziehen?
Nein, überhaupt nicht. Wäre das Programm so belanglos, würde es wohl keiner konsumieren.
Ich glaube, wir müssen stärker hervorstreichen, was wir für 15,30 Euro im Monat alles machen.
— Martin Weberhofer, Künftiger Landesdirektor ORF Kärnten
Die Landeshauptleute hatten früher ein Anhörungsrecht bei der Bestellung der Landesdirektoren. Haben Sie sich im Vorfeld den Segen von Daniel Fellner geholt?
Das Wunschkonzert in Radio Kärnten gibt es schon seit Jahrzehnten nicht mehr.
Braucht der ORF wirklich neun teure Landesstudios?
Teuer nein, neun definitiv ja, denn die Landesstudios sind unser USP. Wir sind es, die bei Ereignissen wie Hochwasserkatastrophen vor Ort sind, Konzerte des Carinthischen Sommers übertragen oder dem Kärntnerlied eine Bühne bieten. Land und Leute in allen Facetten abzubilden, ist eine lohnende Investition.
Karin Bernhard hat laut ORF-Transparenzbericht zuletzt mehr als 230.000 Euro brutto im Jahr verdient. Wie viel wird es bei Ihnen sein?
Das weiß ich nicht, aber es wird sicher deutlich weniger sein.
Generaldirektor Clemens Pig will mehr Frauen in Führungspositionen. In Kärnten gibt es künftig nur noch Männer: Landesdirektor, Chefredakteur, kaufmännischer und technischer Leiter, Marketingleiter. Wird es also jedenfalls eine Programmchefin geben?
Es wird ein Hearing geben, wir haben einige sehr gute Frauen und Männer für diese Aufgabe. Die oder der Beste soll zum Zug kommen – bei ähnlicher Qualifikation wird es eine Frau.
Warum stellt man das Landesstudio nicht schlanker auf, indem man etwa Chefredakteur und Programmchef zusammenführt oder der Landesdirektor die kaufmännischen Agenden übernimmt?
Das funktioniert nicht gut und bringt finanziell wenig. Aktueller Dienst und Unterhaltung sind zwei Paar Schuhe – einmal geht es um Information, einmal um Emotion. Zwischen Regierungssitzung und Nockalm Quintett ist es ein sehr breiter Spagat. Beide Funktionen sollten im Land wahrnehmbar und nicht nur mit Dienstplänen oder Zahlen beschäftigt sein. Wichtig ist, dass wir Geschichten plattformübergreifend planen.
Wo bleiben Podcasts des Landesstudios und andere Formate für jüngere Zielgruppen?
Zahlreiche ORF-Podcasts sind adaptierte lineare Produktionen. Das bietet zwar Mehrwert, ich möchte aber originäre Angebote. Wir hätten genügend Sachen, die man sofort als Podcast machen könnte. Unser gesamtes Audioangebot gibt es ja auch auf ORF Sound – diese Plattform sollten wir weiterentwickeln.
Der ORF muss in den nächsten Jahren weiter sparen. Was würden Sie streichen? ORF1? FM4? Radio-Symphonieorchester?
Das gehört alles zu unserem gesetzlichen Auftrag. Ich glaube, wir müssen stärker hervorstreichen, was wir für 15,30 Euro pro Monat alles machen, wie Qualitätsmedien recherchieren und wie wichtig wir in Zeiten der Desinformation, einer auseinanderdriftenden Gesellschaft und bezahlter Influencer als seriöser Gegenpol sind. In Krisensituationen zeigt sich, dass Menschen bei uns nach verlässlichen Informationen suchen.
Wie viel Einsparungspotenzial wird die KI noch bieten?
KI ist ein Werkzeug, das uns schon jetzt hilft, aber nie die journalistische Kompetenz ersetzen kann.


