Natascha Kampusch – eine Frau, gefangen in Freiheit
Am 23. August 2006 befreit sich Natascha Kampusch aus ihrer Gefangenschaft. 20 Jahre später ist sie weiterhin gefangen. In Freiheit. Warum uns das als Gesellschaft zu denken geben muss.
Natascha Kampusch ist distanziert. Sie spricht gewählt, besteht auf dem formellen „Sie“ und definiert ihren Freiheitsbegriff so: „Freiheit ist, wenn man sich selbst und andere Menschen in Ruhe existieren lassen kann.“ Das war Ende 2022 bei einem Kleine Zeitung Podcast-Gespräch, anlässlich ihres Buches „Stärke zeigen“, in dem die Frau, die als Zehnjährige entführt und acht Jahre in Gefangenschaft gehalten wurde, über die Kunst des Verzeihens sprach.
20 Jahre sind seit ihrer Selbstbefreiung vergangen. Am 23. August 2006 ergreift die damals 18-Jährige die erste Gelegenheit, die sich ihr bietet, und flüchtet durch das zufällig offenstehende Gartentor im Haus in Strasshof an der Nordbahn. Sie weiß, dass niemand anderer sie retten wird. Sie muss es selbst machen. Und sagt in unserem Gespräch, dass sie auch ihrem Entführer, dem Täter, Wolfgang Priklopil, verzeihen muss. Doch was diese Frau, die sich acht Jahre gegen eine vollständige Versklavung zur Wehr setzen konnte und aus ihrem Gefängnis entkam, nicht ahnte, war das Gefängnis der Öffentlichkeit. Boulevardmedien, national und international, hatten ab dem 23. August 2006 Jagd auf sie gemacht. Und nicht nur sie. Jeder hatte eine Meinung, hatte Ansprüche an ihr Verhalten. Statt Empathie bekam sie Skepsis, Verschwörungen und einen bösen Mob. Sie schien einfach kein perfektes Opfer zu sein. Sie sprach seltsam, sie verhielt sich seltsam, sie passte nicht in das Bild eines gebrochenen Mädchens. Was folgte, waren Jahre, in denen „ich kaum etwas machen konnte, ohne dass ein Fotograf oder ein Kameramann auftauchte“, so Kampusch.
Dabei könnte ihre Geschichte auch eine wie jene von Gisèle Pelicot sein. Jener Frau, die 2024 sagte, „die Scham muss die Seite wechseln“. Pelicot machte die Verbrechen ihres Ehemannes, der sie jahrzehntelang unter Drogen zur Vergewaltigung anbot, öffentlich. Und ließ die grauenhaften Videos, die es davon gab, in der öffentlichen Gerichtsverhandlung zeigen. Sie brauchte den Schock zur Wahrheitsfindung.
Natascha Kampusch wollte selbst sprechen. Der Täter konnte es nicht mehr, er wählte den feigen Weg eines Suizids. Doch wie Kampusch ihre eigene Geschichte erzählen wollte, gefiel der Öffentlichkeit nicht. Ihre Autobiografie „3096 Tage“, die auch verfilmt wurde, und weitere Buch-Projekte waren Einfallsstore für Hass und Hetze. Sie sei „geldgierig“, habe eine „Neurose“ und es wurden Comics von ihr mit Geldscheinen und Dollarzeichen in den Augen erstellt und hämisch kommentiert. Wechselt so die Scham die Seite?
Wenn man heute an die Geschichte von Natascha Kampusch denkt, darf die gesellschaftliche Selbstreflexion nicht fehlen. Ein Kind, dem unglaubliches Leid angetan wurde, durfte in unserer Gesellschaft nicht heilen. Dass es ihr heute schlecht geht, sie einen Nervenzusammenbruch erlitt und sich in ihre „eigene Welt“ zurückgezogen hat, wie ihre Schwester der deutschen „Bild-Zeitung“ erzählte, wundert nicht. Ihre erhoffte Rettung blieb aus. Die vermeintliche Freiheit wurde für sie zu einem Gefängnis auf Lebenszeit.