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Internationaler Geschäftsmann: „Krise ist immer eine Chance“

Eine einjährige Sprachbildungsreise gab den Ausschlag: Seit dieser Zeit ist der gebürtige Brucker Christoph Galler mit dem Virus „International“ infiziert.

Markus Hackl

Bei der Terminvereinbarung für dieses Interview sind Sie für Ihre Firma zwischen Seattle, New York, Las Vegas wieder New York und Frankfurt gependelt. Wo treffen wir Sie in diesem Moment an?

Christoph Galler: In diesem Moment in New York, wo wir auch unseren Firmensitz haben und als Familie unseren Wohnsitz. Ich bin um 6 Uhr nach einem Red Eye-Flug aus Las Vegas gekommen, habe jetzt noch einige Meetings und fliege um 17 Uhr beruflich nach Frankfurt. Danach gehts zurück nach New York, dann weiter zu unserem Produktionsstandort in den USA. Erst dann winkt mein wohlverdienter Urlaub in der Steiermark.

Gefühlt jeden Tag in einer anderen Stadt, dazu die unterschiedlichen Zeitzonen: Wie belastend ist das für Sie?

Jetzt ist in der Modebranche gerade die Peak-Season, also die Hauptsaison mit Messen in Las Vegas und Geschäftsterminen in Seattle. An das Vielreisen gewöhnt man sich. Den Jetlag spüre ich mittlerweile kaum mehr. Man eignet sich eine Tagesroutine an, die einem trotz verschiedener Zeitzonen hilft, den Tag trotzdem produktiv gestalten zu können. Dazu gehört auch ein täglicher 45-minütiger Morgenlauf. Im Vorjahr bin ich auf immerhin 76 Hotelübernachtungen gekommen. Heuer sind es durch die Geburt meiner zweiten Tochter im Februar weitaus weniger.

Das Weltenbummlertum liegt Ihnen sozusagen im Blut. 2015 haben Sie sich als damals 28-Jähriger ein Jahr Bildungskarenz genommen und sind um die Welt gereist, um Sprachen zu lernen, unter anderem Mandarin. Hätte Sie China auch gereizt?

Ich war nach der Matura acht Jahre bei der Raiffeisenbank Bruck-Leoben, habe berufsbegleitend studiert und wollte vor meinem 30. Geburtstag etwas von der Welt sehen. Im Zuge dieser Bildungskarenz war ich für sechs Monate in Südafrika, danach für sechs Monate in Singapur. Hier lag der Fokus bei den Sprachen Englisch und Mandarin. Ich muss aber gestehen, dass das Mandarin nicht wirklich hängen geblieben ist. Was aber hängen geblieben ist, war die Lust am internationalen Business.

Christoph Galler vor der New Yorker Skyline
© Galler
Christoph Galler vor der New Yorker Skyline

Gelandet bist du letztendlich in den USA. Warum genau dieses Land?

Nach dem Jahr in der Bildungskarenz konnte ich mir ein Arbeiten im Büro in Österreich nicht mehr vorstellen. Gelandet bin ich als Zahlen-Daten-Fakten-Mensch zuerst bei Andreas Pirkheim und Wolfgang Scheucher, wo ich die Geschäftsführung des steirischen Brillenlabels Andy Wolf Eyewear für den nordamerikanischen Markt übernommen habe. Ich war über sechs Jahre dort und bin stets zwischen Los Angeles und New York gependelt. Eine Zeit, die mich sehr geprägt hat.

Wie ist es dann mit der Karriere weitergegangen?

Ein Headhunter hat mich gefunden und so bin ich zu meinem neuen Job als CEO bei Urban Classics gekommen.

Jetzt sind Sie CEO beim Textilhersteller Urban Classics Inc. Was ist aktuell die größte wirtschaftliche Herausforderung für Dich?

Wo soll ich nur mit dem Aufzählen beginnen? Ich darf das Unternehmen seit vier Jahren mitentwickeln. Wir haben zwei Produktionsstandorte in Philadelphia und Charlotte, wir haben in Firmen in Asien und in Europa. Das bringt uns als globales Unternehmen auch eine gewisse Flexibilität. Krise ist immer eine Chance und wir haben nach neuen Möglichkeiten und Wege gesucht. Wir dürften die richtigen Entscheidungen getroffen haben, deswegen war auch das Wachstum ein dementsprechend Gutes.

Amerika ist nach wie vor der große Weltwirtschaftsmotor.

— Christoph Galler

In Europa hemmen aktuell die Zolleskapaden des US-Präsidenten, der Iran-Konflikt und der Ukraine-Krieg das Wirtschaftswachstum. Wie schaut es da in Amerika aus?

Herausforderungen sind auch bei uns die Zölle. Die unternehmerische Planbarkeit ist kaum gegeben. Wir agieren auch als Importeure, holen die Rohlinge aus dem Ausland und fertigen sie final hier in den USA – dieses Businessmodell hat sich auf alle Fälle bewährt. Im Gegenzug zu Europa blieb in Amerika die Kaufkraft hoch, das Wirtschaftswachstum liegt bei knapp drei Prozent. Amerika ist nach wie vor der große Weltwirtschaftsmotor. Der große Unterschied zu Europa ist die niedrige Arbeitslosenrate – wir sind nahe an der Vollbeschäftigung. Das Leistungsprinzip ist hier viel stärker ausgeprägt. Unsere Mitarbeiter hier haben zehn bis 15 Urlaubstage pro Jahr, dazu kommen fünf bezahlte Krankenstandstage – der Rest ist unbezahlt. Wer in den USA arbeiten will und kann, dem geht es gut. Europa ist in dieser Hinsicht sozialer orientiert, aber es mangelt an der Produktivität – ein Mittelweg wäre hier wahrscheinlich das optimale System.

Wie oft kommen Sie noch nach Österreich?

Drei bis vier Mal im Jahr bin ich beruflich in Deutschland und das verbinde ich fast immer mit einem Heimaturlaub. Das wird sich noch intensivieren, wenn meine zwei Töchter älter sind und das Reisen leichter wird. Zu Weihnachten wechseln wir uns ab: einmal kommen wir mit den Schwiegereltern nach Österreich, das Jahr darauf kommt meine Familie nach Amerika. Es hat sich ein gutes, schönes österreichisch-amerikanisches Familienkonstrukt entwickelt. Vielleicht schicken wir unsere Kinder, wenn sie älter sind, zum Sommercamp nach Bruck.

Eine Delegation aus der Heimat auf Besuch bei Galler in den USA
© Galler
Eine Delegation aus der Heimat auf Besuch bei Galler in den USA

Was geht Ihnen in den USA am meisten ab? Doch nicht das Kernöl?

Natürlich das Kernöl. Die steirische Herzlichkeit, die Freunde und die Familie – das sind schon Dinge, die mir fehlen. Jedoch mit Facetime und den Sozialen Medien bleibt man ja laufend in Verbindung. Mittlerweile haben wir uns jedoch einen beachtlichen Kernöl-Vorrat angelegt. Erst vor zwei Wochen hat LH-Stellvertreterin Manuela Khom zusammen mit ÖVP-Klubobmann Lukas Schnitzer mit einer Delegation New York besucht – auch sie hatten Kernöl mit im Gepäck. Ich habe dabei die Delegation durch New York geleiten dürfen, es gab einen Abend für Steirer und Österreicher mit österreichischer Kulinarik.

Zur Person

Christoph Galler (40) ist in Bruck an der Mur geboren und aufgewachsen. Nach der Matura und elf Jahren in der Raiffeisenbankengruppe - davon rund acht Jahr in der Raiffeisenbank Leoben-Bruck, der Absolvierung des Studiums „Industrial Management & International Business“ und Aufenthalten in Singapur und Kapstadt im Rahmen einer einjährigen Bildungskarenz entschied sich Galler für den internationalen Berufsweg. Der erste Schritt führte ihn nach New York City, wo er die Geschäftsführung des steirischen Brillenlabels Andy Wolf Eyewear für den nordamerikanischen Markt übernahm. Nach über 6 Jahren im Unternehmen setzte es den nächsten Karriereschritt: 2022 übernahm er die Geschäftsführung des Textilherstellers „Urban Classics Inc.“, einem Unternehmen der TB International Gruppe.