Werden die „Spannerbrillen“ bald verboten?
Videos von Meta-Datenbrillen sorgen für Aufsehen und Unmut. In Deutschland wird ein Verbot gefordert, in Österreich steht ein Bürgermeister in der Kritik. Wohin aber geht die Reise?

Das Muster nennt sich „Cold Approach“, gemeint ist damit spontanes Ansprechen einer fremden Person. Ohne vorherigen Kontakt, meist mit der Absicht eines Flirts und sehr populär auf Social-Media-Plattformen wie Instagram oder TikTok. Interessiert sind die User, also diejenigen, die sich die Videos ansehen, vor allem an der Reaktion des Gegenübers.
Besonders unmittelbar, jetzt kommen wir schon zum kritischen Punkt, ist diese, wenn sie aus der Perspektive des Ansprechenden gefilmt ist. Dafür ideal sind Brillen mit verbauten Kameras, wie sie etwa Meta entwickelt. Alleine, aber auch im Kollektiv mit bekannten Brillenherstellern wie Ray-Ban oder Oakley. Das Problem an den Brillen-Videos: Oft bemerken Aufgenommene nichts vom Aufnahmevorgang, eine Einwilligung gibt es vermutlich gar nie. Von „Spannerbrillen“ ist deswegen öffentlich zunehmend die Rede.

Um die 400 Euro kosten die Gläser zurzeit, die Meta als „AI glasses“, also „KI-Brillen“, vermarktet. Acht Stunden Akkulaufzeit werden versprochen, verbaut sind 12-Megapixel-Ultraweitwinkelkameras und „diskrete Lautsprecher“. Videos oder Fotos können hochauflösend aufgenommen werden, gesteuert wird per Sprachbefehl oder Touchpad.
Technischer Fortschritt darf nicht unter Generalverdacht gestellt werden.
— Innsbrucks Bürgermeister Johannes Anzengruber
In Österreich rückten derlei Brillen zuletzt auch wegen eines Politikers ins Zentrum der Aufmerksamkeit. So geriet der Innsbrucker Bürgermeister Johannes Anzengruber, ein Datenbrillenträger, ins Visier der politischen Konkurrenz. „Die Brille wird von mir in erster Linie zur Entlastung und Schonung der Augen getragen“, entgegnete Anzengruber. Darüber hinaus könne er damit „telefonieren“ und sich „Nachrichten vorlesen lassen“. Er würde bei Gesprächen aber „weder Fotos noch Videos“ aufnehmen.
Anzengrubers Conclusio: „Technischer Fortschritt darf nicht unter Generalverdacht gestellt werden.“ Entscheidend sei „nicht, was ein Gerät theoretisch kann, sondern wie verantwortungsvoll damit umgegangen wird.“

Diametral anders sieht das die deutsche Organisation HateAid, die sich für Menschenrechte im digitalen Raum stark macht. Sie erstattete Anzeige gegen Meta, mehrere Brillen-Hersteller und Optiker. Der zentrale Vorwurf: Ein Verkauf von Datenbrillen mit integrierten Kameras sei per se ein Verstoß gegen gängiges Datenschutzrecht. Dieses würde nämlich verbieten, Geräte zu verkaufen, die als Alltagsgegenstand getarnt und dazu bestimmt seien, andere Menschen unbemerkt zu filmen oder abzuhören.
Dem entgegen steht zurzeit die Einschätzung der Bundesnetzagentur. Die Behörde hält die Meta-Brillen aktuell für zulässig. Weil die Aufnahmefunktion durch ein leuchtendes LED-Signal ausreichend erkennbar sei.
Wird die Verarbeitung von Daten für KI untersagt?
Wir sprechen mit dem Innovationsrechtler Matthias Kettemann über die Brillen. Dieser positioniert sich als „kein Fan von Verboten“ und vertritt die Meinung, dass man die Nutzung lieber gezielt „einschränkt und Nutzer sensibilisiert“. Zweifelsohne stünden die Smart Glasses für eine Technologie, die „große Risiken mit Bezug auf Datenschutz und den Schutz von Privatsphäre mit sich bringt.“
Perspektivisch könnte sich Kettemann in Europa vorstellen, dass die Nutzung grundsätzlich erlaubt bleibt, aber die KI-Funktionen massiv eingeschränkt oder gänzlich untersagt werden. Sprich: Von den Brillen aufgenommene oder erfasste Daten dürften keinesfalls für das Trainieren von Metas KI-Modellen verwendet werden.
Übrigens: Auch andere Datenbrillen sind zurzeit wieder vermehrt im Gespräch. Aber im Falle von Apples Vision Pro vermutlich anders, als vom Hersteller intendiert. Als der iPhone-Konzern aus Cupertino die Brille vor drei Jahren präsentierte, sprach man von einer anstehenden Revolution im Alltag. Just dort aber kam die 4000 Euro teure Brille gar nicht an. Dafür findet das Mixed-Reality-Utensil – digitale und reale Informationen verschmelzen im Sichtfeld – zunehmend Anwendung im OP. Dort wird beispielsweise chirurgische Navigationssoftware in die Brille integriert.
Apropos Apple: Der Konzern soll dem Vernehmen nach die Videotechnologie bereits weiterdenken und an Airpods, den kleinen Kopfhörern, mit integrierter Kamera arbeiten. Um Gesten zu erkennen und Informationen zu erfassen, wie der Apple-Insider Marc Gurman schreibt. Unklar ist vorerst, ob die Airpods auch fotografieren können. Umso eindeutiger ist, dass die Debatte um heimliche Videoaufnahmen damit weiter an Fahrt aufnehmen wird.