Kanadierin tätowierte sich Tastatur, damit ihr Sohn eine Stimme hat
Hunter Fletcher ist elf Jahre alt, lebt mit Autismus und ist non-verbal. Um ihm die Kommunikation zu erleichtern, setzte seine Mutter Jessica nun einen außergewöhnlichen Schritt.
Jessica Fletcher beweist, dass die Liebe einer Mutter nicht an der Unversehrtheit des eigenen Körpers endet. Seit ein paar Wochen ziert ein auf den ersten Blick wohl ungewöhnliches Tattoo den linken Unterarm der Kanadierin: eine Tastatur. Im Gegensatz zu den meisten anderen Tattoos geht es ihr allerdings nicht um die Optik, sondern um die Funktion. Mit der „Haut-Tastatur“ gibt sie ihrem elfjährigen Sohn Hunter, der autistisch und non-verbal ist, nämlich eine Stimme – und das in jeder Lebenslage.
Hunter hat eigentlich eine Art Tablet, das er für die Kommunikation benutzt. Dieses stößt jedoch in gewissen Situationen an seine Grenzen. „Wir können es nicht mit ins Schwimmbad nehmen. Wir können es nicht auf Wasserspielplätze mitnehmen. Es ist schwierig, es während Gottesdiensten zu benutzen. In Kinos stört es“, schreibt Fletcher in einem Facebook-Posting auf dem Account „Hunter‘s Voice“, der mittlerweile rund 135.000 Follower und knapp 140 Millionen Reel-Aufrufe hat. Außerdem könne der Akku leer werden oder es könne ein anderes technisches Problem geben.
So geschehen bei einem Besuch in einem Restaurant. Damit ihr Sohn ihr mitteilen konnte, was er essen möchte, zeichnete sie ihm ein Alphabet auf ein Blatt Papier. Er habe das Blatt jedoch umgedreht, eine Tastatur aufgezeichnet und seine Bestellung eingetippt. „Das brachte mich auf die Idee, dass ich ihn nicht auf Technologie beschränken darf, denn Technologie lässt uns nun einmal im Stich“, erklärte sie gegenüber „CTV News“.
Die Tastatur ist für Jessica Fletcher mehr als ein Tattoo
Bei Barrierefreiheit gehe es nicht darum, Kommunikation manchmal zu ermöglichen, führte sie auf Facebook weiter aus. „Es geht darum, sie jederzeit zu ermöglichen.“ Die Tastatur sei für sie deshalb nicht nur ein Tattoo, sondern auch eine Erinnerung daran, dass Kommunikation ein Menschenrecht ist. „Es ist eine Ersatzstimme. Eine Brücke über Barrieren. Ein Hilfsmittel, das dazu beiträgt, dass mein Sohn der Welt mitteilen kann, was er denkt, will, braucht und fühlt … ganz gleich, wohin das Leben ihn führt.“
Die Resonanz auf die außergewöhnliche Mutter-Sohn-Geschichte der Fletchers ist enorm. Etliche Interview-Anfragen trudeln bei der Kanadierin ein, ein Facebook-Reel des Tastatur-Tattoos wurde bis heute 2,3 Millionen Mal geliked und knapp 82.000 Mal geteilt. Fletchers Initiative endete auch nicht auf ihrem eigenen Unterarm. Zusammen mit der Maritimer Clothing Company brachte sie ein Langarm-T-Shirt auf den Markt, auf dem am linken Ärmel eine Tastatur aufgedruckt ist.
„Ich werde von anderen Eltern autistischer Kinder, Krankenschwestern, Ärzten und Rettungskräften aus aller Welt kontaktiert, die solche T-Shirts haben möchten, und Tätowierer auf der ganzen Welt bieten mittlerweile an, dies für Eltern nicht sprechender Kinder kostenlos zu tun“, sagte sie. Auch vom National Autism Network gab es Lob. Der Vorsitzende Maddy Dever erklärte, dass viele nicht sprechende Kinder darauf angewiesen sind, dass ihre Eltern ihre Stimme gegenüber der Welt sind, was Ideen wie die von Fletcher umso wichtiger mache.