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Pro & Kontra: Darf man Kinder von Hochzeiten verbannen?

Hochzeit ist Partyzeit – aber darf man Kinder wirklich ausladen?
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Hochzeit ist Partyzeit – aber darf man Kinder wirklich ausladen?

Eine Hochzeit ist ein Familienfest für alle Generationen. Gerade Kinder sind willkommen. Aber eine Hochzeit ist auch ein Fest, das zwei Menschen planen und normalerweise auch bezahlen. Ist es also legitim, eine Hochzeit als „kinderfreie“ Party zu feiern?

My Party, my Rules – kinderfreie Hochzeiten sind legitim und bieten Eltern eine Kinder-Pause!

— Barbara Haas

Die erste Hochzeit mit Kindern war schrecklich: Meine Babys waren vier Monate, ich musste ständig stillen, die ganze Hochzeitsgesellschaft war laut und ausgelassen (und beneidenswert betrunken) und am Ende war ich zu fertig, um auch nur einen einzigen Party-Song mitzugrölen. Es gibt also Zeiten mit Kindern, da ist eine Hochzeit sowieso keine empfehlenswerte Freizeitoption. So die Sicht von mir als Gast.

Doch aus Sicht des Brautpaares ist die Ausrichtung der eigenen Hochzeit vor allem eines: die Entscheidung von zwei Menschen. Wenn diese möchten, dass ihre engsten Freunde kommen und nur ein Bruchteil der Familie, dann ist das so. Und wenn sie doch Familie wollen, aber bei den Kindern ihrer Geschwister den Schlussstrich ziehen, dann ist das ebenfalls zu akzeptieren. Eine Einladung ist keine Vorladung: Man kann problemlos absagen.

Und es gibt Aspekte, die es nicht nur legitimieren, eine kinderfreie Hochzeit feiern zu wollen, sondern auch die Art des Festes beeinflussen. Zum einen sind Hochzeiten für Kinder nur dann wirklich lustig, wenn es Kinder in deren Alter gibt und nach Möglichkeit auch welche, die sie kennen. Ist dem nicht so, dann kleben sie wie die Kletten an ihren Eltern, was diese stresst und das Vergnügen sowohl für Alt als auch für Jung erheblich trübt. Sind Kinder aber gerade am Schritt in die Pubertät, dann ist es sehr schwer, sie überhaupt für etwas zu begeistern. Dann hat so eine Einladung auch schnell etwas von „Zwangsbesuch“ und Eltern blicken in die gelangweilten Gesichter von jungen Erwachsenen, die passiv-aggressiv am Handy hängen und zeigen, wie „cringe“ hier alles ist.

In eine Einladung zu schreiben: „Ob mit Nanny oder Granny – feiert mit uns und lasst die Kinder daheim!“ ist daher für viele Eltern eine willkommene Pausetaste im Betreuungskarussell. Und dann ist es keine explizit kinderfreie Hochzeit, sondern eine Hochzeit unter Freunden, die endlich wieder einmal Gelegenheit haben, wirklich uneingeschränkt Zeit miteinander zu verbringen und dadurch Freundschaften pflegen können, die in der Rush-Hour des Lebens oft zu kurz kommen.

Dazu kommt auch noch der finanzielle Aspekt, denn wenn Paare heiraten, sind sie oft noch am Beginn ihres beruflichen Lebens und da macht es natürlich einen Unterschied, ob man noch zehn zusätzliche Essen und dazu noch die Hüpfburg und den Zauberer zahlen muss. Da gehen schnell noch ein paar tausend Euro für gute Kinderbetreuung drauf. Eine Freundin aus Turkmenistan hat mir erzählt, wie Hochzeiten dort ablaufen. Alle Familien aus allen umliegenden Dörfern MÜSSEN eingeladen werden. Am Ende des tagelangen Feierns ist der Vater der Braut hoch verschuldet und das Brautpaar hatte nicht eine selbst gestaltete Minute. Ist natürlich als Szenario kulturell überspitzt, aber ich finde, wenn sich zwei Menschen heute dazu entschließen, zu heiraten und das auch mit einem Fest öffentlich bekunden und feiern wollen, dann dürfen sie auch selbst die Regeln dafür aufstellen.

Bevor Pop-Star Dua Lipa kürzlich auf Sizilien mit einer großen Party heiratete, gab es im Vorfeld Riesenaufregung, weil sie bei der Pre-Hochzeit in London ihre Freunde einzeln einlud. Ohne Begleitung. Auch dazu hatte sie aber doch jedes Recht. Man sollte es genießen, wenn man auf Partys und Hochzeiten eingeladen wird. Und sich und seine Rolle nicht überschätzen. Gäste sind da, um gute Unterhaltungen zu liefern, das Brautpaar zu feiern, es zu beglückwünschen und zu späterer Stunde höchstens auf der Tanzfläche auszuflippen. Davor und dazwischen ist man Gast und freut sich. Vor allem über eine seltene Möglichkeit. Wenn die kinderfreie Hochzeit vielleicht sogar noch eine Übernachtung beinhaltet, heißt das für Eltern: Jackpot. Dann darf man am nächsten Tag ausschlafen. Danke.

Hochzeiten sind Familienfeiern. Kinder dort auszusperren, ist der Ausdruck für das Verschwinden von Gemeinschaft

— Martin Gasser

Grundsätzlich darf man alles, was nicht gesetzlich verboten ist. Und jeder, der schon einmal bei einer Hochzeit war, die in Kindergeschrei untergegangen ist, wird vielleicht an den Theaterdichter Tennessee Williams gedacht haben, der eine seiner Figuren in Bezug auf Kinder von „halslosen Monstern“ sprechen ließ.

Kinder quengeln, brauchen Aufmerksamkeit, rennen unbefugt herum, scheren sich nicht um Etikette und haben gewiss ein Gespür dafür, wie man Erwachsenen ihre Momente ruiniert. Wenn es dann noch die Kinder von Freunden sind, geht einem die Kinderliebe für Augenblicke vermutlich schnell abhanden.

Es wird einmal der Tag kommen, wo Bequemlichkeit und Lebensgenuss über allem stehen. Wo die eigenen Wünsche das Pegelmaß fürs Verhalten werden. Man lebt dann gewissermaßen nicht mehr, sondern man konsumiert ein Leben und pflegt einen Lifestyle, bei dem alles, was als Störung empfunden wird, auf lautlos gedrückt wird.

Ein Hochzeitstag muss nicht unbedingt dieser Tag sein. Das spräche für eine Haltung, die sich zum Leben verhält wie Instantnudeln zu einem Weizenfeld. Kann man haben. Aber in einer Gesellschaft, deren Leitartikler und sonstigen Bedenkenträgerinnen und -träger ihr gerne attestieren, kinderfeindlich zu sein, und in der tatsächlich immer weniger Kinder existieren, in der sozialer Zusammenhalt immer unverbindlicher und Individualität immer wichtiger wird, in einer solchen Gesellschaft sollte man vielleicht den Wert von kinderlosen Hochzeitsfeiern neu bewerten. Nicht als Individualität, sondern als Egoismus.

Gemeinschaften, soziale Verbände, sind vor allem in Europa seit mehreren Jahrhunderten auf dem Rückzug. Dabei sind sie wahrscheinlich der wesentliche Grundstein für die Organisation von Zivilisation. Die Gruppe steht im Zentrum. Zu Familien gehören vom Greis bis zum Säugling alle dazu, und alle gehören auf eine Familienfeier. Und eine Hochzeit ist eine Familienfeier. Gelegenheiten, bei denen möglichst viele zusammenkommen, gibt es ohnehin viel zu selten. Die mögen auch anstrengend, nervig und frustrierend sein, aber so ist das halt einmal mit Gruppen.

Wer eine kleine Hochzeit will, soll eine kleine Hochzeit haben. Aber wer seinen Gästen zumuten möchte, ihre Kinder daheim zu lassen, kann sich ja einmal über Prioritäten Gedanken machen, ob man nicht doch nur ein Teil in einem Gesamtgefüge ist, ob das Ganze nicht doch mehr ist, als die Summe der Teile. Und ob Kinder, die sich während der Zeremonie wie die Hunnen aufführen, dem ganzen Trara noch ein wenig mehr Pfiff und Seele geben.