„Wir erleben Vierjährige, die genau wissen, wie sie posen müssen“
Nie wurde eine Generation mehr fotografiert als heute. Was sind die Konsequenzen für Kinder, wenn der Performance-Druck so groß wird? Und was hat das Phänomen „Sharenting“ damit zu tun? Der Grazer Medienpädagoge Lukas Wagner ordnet ein.

Kinder werden heute tausendfach fotografiert. Damit ist die Generation Alpha die am besten dokumentierte Generation aller Zeiten. Wenn diese Bilder sogar auf den Sozialen Medien geteilt werden, nennt sich das „Sharenting“ (sharing und parenting). Aber was verändert sich in den Beziehungen mit Eltern und den Persönlichkeiten von Kindern, wenn alles hundertfach fotografiert und gefilmt wird? Der Grazer Psychotherapeut und Medienpädagoge Lukas Wagner beschäftigt sich in seiner Praxis seit Jahren mit genau dieser Entwicklung.
Kinder konkurrieren mit dem Handybildschirm

Herr Wagner, Eltern machen von ihren Kindern so viele Fotos wie keine Generation zuvor. Bauen wir damit tatsächlich Erinnerungen?
Beides ist möglich. Wenn ich ein Foto mache, das für mich emotional aufgeladen ist, und es später wieder anschaue, kann das wahnsinnig wertvoll sein. Wenn ich aber von einer Geburtstagsparty 3749 Fotos habe, dann habe ich wahrscheinlich 3749 bedeutungslose Fotos. In der Flut geht die Bedeutung verloren. Die Kamera kann sich auch zwischen mich und den Moment schieben. Statt ihn wirklich wirken zu lassen, fotografiere ich ihn.
Wir konservieren den Moment – möglicherweise auf Kosten des Erlebens?
Ja. Ich würde als Psychotherapeut sogar die provokante These aufstellen, dass manche Momente so berührend sind, dass man sie fast nur durch die Kamera aushalten kann. Sie nimmt mich ein bisschen aus dem Moment heraus. Wenn ich das Foto mache, muss ich ihn vielleicht nicht wirklich erleben.
Was verändert sich, wenn nicht nur fotografiert, sondern das Leben des Kindes öffentlich gemacht wird?
Kinder sind von Anfang an eigene Menschen und haben Persönlichkeitsrechte. Gerade dort, wo sie diese noch nicht selbst schützen können, sind die Eltern gefordert. Und es macht einen Unterschied, ob ich ein Foto an die Oma schicke oder ob ein dreijähriges Kind einem Millionenpublikum gezeigt wird. Mein Grundsatz lautet: „You post it, you lose it.“ Sobald ich ein Foto poste, ist es nicht mehr innerhalb meiner Kontrolle.

Nehmen Eltern ihren Kindern damit auch die Freiheit, ihre eigene Geschichte zu erzählen?
Ja. Wir haben gesellschaftlich noch keinen Umgang mit der „digitalen Jugendsünde“. Wir erleben heute schon Vierjährige, die wissen, wie sie für die Kamera posen müssen. Das macht etwas mit der Identität und der persönlichen Entwicklung. Wenn damit ein großes Publikum verbunden ist, entstehen Erwartungen an das Kind. Es muss sich auf eine bestimmte Weise darstellen – nicht weil es das entschieden hat, sondern weil die Eltern es entschieden haben. Das nimmt persönliche Freiheit.
Ist also vielleicht gar nicht das Foto selbst das größte Problem, sondern die ständige Unterbrechung von Beziehung?
Das ist ein wichtiger Punkt. Wir wissen aus der Forschung: Je höher die Mediennutzung der Eltern ist, desto höher ist später auch jene der Kinder. Besonders problematisch ist die Handynutzung in Bindungssituationen. Manche kleinen Kinder verstummen, wenn die Eltern das Handy nehmen, andere werden besonders laut und versuchen, sich die Aufmerksamkeit zurückzuholen. Wir haben eine Generation, die teilweise von Geburt an in einem Aufmerksamkeitswettkampf mit dem Handy steht.
Und beim Sharenting kommt noch die Inszenierung dazu?
Ja. Der Kuchen darf nicht angeschnitten werden, bevor 17 Bilder gemacht worden sind – oder er muss 17-mal angeschnitten werden, bis das perfekte Video entstanden ist. Das erzeugt einen enormen Druck auf Kinder, zu performen. Die Soziologin Laura Wiesböck nennt das „performative Authentizität“: Man muss authentisch sein, aber als Performance.

Warum machen Eltern das überhaupt?
Es geht um Anerkennung, ums Gesehenwerden und auch um die Bestätigung, ein gutes Elternteil zu sein. Instagram erzeugt eine Art vergleichende Elternschaft: Ich sehe ständig Tausende andere Eltern, die scheinbar alles richtig machen. Sharenting kann man deshalb nicht aus der Marktlogik sozialer Medien herausdenken. Es geht um Likes, Kommentare und Aufmerksamkeit.
Brauchen Kinder deshalb auch ein Recht darauf, vergessen zu werden?
Ich fordere seit Jahren ein Recht auf die digitale Jugendsünde. Vieles, was wir mit 14, 15 oder 16 gemacht haben, ist glücklicherweise nicht dokumentiert worden. Kindheit braucht auch diesen Raum. Und in der Flut der Bilder geht letztlich die Bedeutung dessen verloren, was es heißt, einen besonderen Moment wirklich festzuhalten.
Was sollten Eltern konkret anders machen?
Bewusst fotografieren. Bei einem Laternenfest hat ein Kindergarten zum Beispiel Handys verboten und danach zwei Minuten vorgesehen, in denen alle fotografieren durften. Das finde ich einen schönen Weg: Wir halten den Moment fest – aber den Rest der Zeit erleben wir ihn. Und vielleicht sollten wir wieder wenige Fotos auswählen und gemeinsam anschauen. So werden Bilder wieder zu Erinnerungen.
Also weniger konservieren und mehr erleben?
Es gibt einen Comic, an den ich dabei immer denken muss. Zwei Touristinnen fahren an einem wunderschönen Berg vorbei. Die eine fotografiert und fragt die andere: „Machen Sie gar keine Fotos?“ Und die antwortet: „Nein danke, ich schau’s mir gleich hier an.“


