Rekord-Niedrigwasser im Rhein bremst die Schifffahrt aus
Stellenweise nur 30 bis 40 Zentimeter zwischen Flussgrund und Schiff. Angespannte Lage am Rhein. Deutsche Binnenschiffe aktuell maximal zu 20 Prozent ausgelastet.

Für den deutschen Binnenschiffer Patrick Mnich ist das Niedrigwasser deutlich spürbar. Er sitzt im roten Steuerhaus seines Schiffes, der GMS Kallisto, während er über den Oberrhein steuert und erklärt: „Ich möchte gerne Gas geben und es geht nicht, weil, es ist kein Wasser da.“ Seine Schiffsschraube braucht ausreichend Wasser seitlich und unter dem Schiff, um Tempo zu machen - doch das sei zurzeit knapp.
Stellenweise lägen nur 30 bis 40 Zentimeter zwischen dem Flussgrund und der GMS Kallisto. Wenn das der Fall ist, wirbelt Mnich mit seiner Schiffsschraube schon Kies auf, sagt er. Dann helfe nur: Noch langsamer machen. Sonst könne das Schiff im schlimmsten Fall aufsetzen und liegen bleiben. „Ich kann Gas geben und werde langsamer, weil ich mich dann am Grund festsauge“, sagt er.
Nach Angaben des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Oberrhein (WSA) sind die Pegelstände am Oberrhein seit Anfang Juni vergleichsweise niedrig. Ursache seien fehlendes Schmelzwasser aus den Bergen und ausbleibender Regen. Eine kurzfristige Besserung sei nicht in Sicht.
Langsam und mit wenig Ladung
Mnich ist rheinaufwärts unterwegs nach Kehl. Der 33-Jährige transportiert Maschinenteile für Windkraftanlagen, die er vor mehr als einer Woche in Magdeburg geladen hat. Heute in der Früh ist er in Mannheim losgefahren, morgen in der Früh muss er die Ladung in Kehl löschen. Schon jetzt weiß er: Es wird ein langer Tag. Besonders der Rhein-Abschnitt hinter Mannheim hat ihn Zeit gekostet. Stellenweise kommt er nur sehr langsam voran. „Da sind wir leider auch über einen Kieshaufen gerutscht“, erzählt er. Für die Strecke bis Kehl werde er heute wohl 14 Stunden brauchen.

Wie stark das Niedrigwasser seine Fahrt beeinflusst, zeigt auch seine Ladung. „Das sollten sechs Teile sein, jetzt habe ich drei drin“, sagt Mnich über die Menge der Maschinenteile. Sein Schiff kann eigentlich 1.570 Tonnen laden, derzeit transportiert es aber nur 150 Tonnen - nur rund zehn Prozent seiner Kapazität also. Bei Niedrigwasser würde es sonst zu tief eintauchen. Je sieben Tonnen Ladung sinkt die GMS Kallisto um einen Zentimeter tiefer ins Wasser.
Grundsätzlich dürften derzeit nahezu alle Transporte in Deutschland nur mit reduzierter Ladung durchgeführt werden, heißt es auch aus dem baden-württembergischen Verkehrsministerium. Die maximale Auslastung der Binnenschiffe liege aktuell bei 20 Prozent.
Fahrt auf eigenes Risiko
Mnich kann bei dem „kleinen Wasser“, wie er es nennt, noch fahren. Die 80 Meter lange GMS Kallisto habe vergleichsweise wenig Eigengewicht und liege flach genug. Anders als größere Schiffe. Sein Bruder etwa, ebenfalls Binnenschiffer, sitze im Duisburger Hafen fest. Der kann nicht weiterfahren, weil sein Schiff zu tief eintauchen würde, erzählt Mnich.
Nach Angaben der deutschen Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt gibt es keine Grenze, ab der Schiffe bei Niedrigwasser nicht mehr fahren dürfen. Die Verantwortung dafür, ob ein Schiff fährt und wie viel es lädt, liege beim Schiffsführer. Demnächst sollen die Pegelstände noch weiter sinken. Mnich vermutet deshalb, dass einige Schiffsführer nun mehr riskieren könnten, „um noch mal ein bisschen mehr zu verdienen“.
Auch Mnich muss als Schiffsführer jeden Tag aufs Neue abwägen. Nach diesem Auftrag soll er Tierfutter in Beinheim am Rhein abholen. Wie viel davon er laden kann, weiß er noch nicht. Das werde er kurzfristig anhand der Prognosen entscheiden müssen.
Angst vor Kundenverlust
Laut dem WSA Oberrhein werde der Transport mit zu geringer Fracht irgendwann unwirtschaftlich. Aber die Produktion bei den Unternehmen müsse dennoch weiterlaufen. Deshalb müssten Unternehmer im Südwesten auf andere Verkehrsmittel ausweichen oder Waren einlagern, erklärt das baden-württembergische Landesverkehrsministerium. Auch Baden-Württemberg hat inzwischen das Sonntagsfahrverbot für Lastwagen aufgehoben, um die Folgen des Niedrigwassers abzufedern. Das Landesverkehrsministerium spricht von einer angespannten Lage am Rhein.
BASF nicht mehr voll lieferfähig
Der deutsche Chemiekonzern BASF spürt die Folgen des extremen Niedrigwassers am Rhein. Zwar gebe es bisher keine signifikanten Auswirkungen auf das Geschäftsergebnis im laufenden Jahr, sagte Vorstandschef Markus Kamieth am Montag in Ludwigshafen. Mit jeder weiteren Woche der Dürre steige jedoch das Risiko von Produktionsunterbrechungen. „Und wir haben auch schon unsere Kunden informiert, dass wir bei einigen Produkten nicht mehr voll lieferfähig sind.“
Kamieth bekräftigte zugleich, dass der Konzern deutlich besser auf Wetterextreme vorbereitet sei als im Dürrejahr 2018.
Ob er ab einem bestimmten Wasserstand nicht mehr fahren würde, weiß Mnich nicht. Das habe er noch nie ausprobiert. „Erfahrung macht klug, ne?“, sagt er. Er sorgt sich stattdessen eher wegen der Auswirkung der Niedrigwasser-Berichterstattung auf seine Kunden. Anfang der Woche hatte der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) erklärt, dass der Rhein wegen der niedrigen Pegelstände im Prinzip nicht mehr durchgängig befahrbar sei. Die Aussage sieht Mnich kritisch: „Das ist halt meiner Meinung nach nicht gut, sowas zu sagen, weil es hört sich halt einfach sehr radikal an.“
Seine Hoffnung für die nächste Zeit: „Also, wenn wir einen halben Meter mehr Wasser hätten, wäre ich schon sehr dankbar. Nicht für mich, sondern damit die Kundschaft wieder aufs Wasser zurückkommt“, erklärt er.