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Michael Köhlmeier und das grausame Drehbuch des Lebens

Der neue Roman von Michael Köhlmeier heißt „Mein privates Glück“, und das klingt angesichts des Todes seiner Frau Monika Helfer furchtbar zynisch.

Der Schriftsteller Michael Köhlmeier
© IMAGO
Der Schriftsteller Michael Köhlmeier
Bernd Melichar
Redakteur Kultur & Medien

Das Leben schreibt oft grausame, erbarmungslose Drehbücher. Anfang August verunglückte die Schriftstellerin Monika Helfer tödlich. Jetzt, zwei Wochen später, erscheint der neue Roman ihres Mannes Michael Köhlmeier. Das Buch trägt den Titel „Mein privates Glück“. Obwohl es darin natürlich nicht um das Lebensglück des Autors geht, sein Wohlbefinden – schließlich haben wir es mit guter Literatur zu tun und diese verhandelt selten die Sonnenseiten der Existenz –, klingt dieser Titel angesichts des privaten Unglücks, das Köhlmeier ereilt hat, wie ein zynischer SuperGAU. Man mag sich auch als Rezensent gar nicht vorstellen, wie sich Köhlmeier derzeit fühlt. Die Beziehung zwischen ihm und Monika Helfer verdient und verträgt das Wort „symbiotisch“, das ansonsten wegen Abgegriffenheit besser im Wortkasten liegen bleibt.

Fast tritt das zu besprechende Buch ob dieser Real-Katastrophe in den Hintergrund; aber das wäre falsch und würde auch Monika Helfer nicht wollen. Denn mit diesem Roman wagt sich ihr Mann in ein Terrain vor, das Helfer selbst so wunderbar bearbeitet hat – die erzählende Beschreibung und Literarisierung der eigenen Lebenswelt(en). Obwohl Michael Köhlmeier in seinen Büchern immer wieder um den eigenen Kosmos kreist, ist dieses Werk sein bislang persönlichstes. Es geht darin um Familiengeflechte, die mitunter so verworren sind, dass den handelnden Personen die Luft abgeschnürt wird. Da Aufwachsen bei Großmutter und Tante in Deutschland, die Rückkehr des kleinen Buben und seiner Schwester zu den Eltern in Vorarlberg, die Traumata der Nachkriegszeit. Die Mutter krank und schwierig, der Vater ein Getriebener, der alles richtig machen möchte, aber doch so vieles falsch macht.

Die Carte blanche

Wild und gleichzeitig mild ist dieses Buch geraten, getragen von Wut, Liebe, Verzweiflung, Verständnis; also all den Zutaten, die ein Leben ausmachen. Aber natürlich darf man „Mein privates Glück“ nicht mit einer Biografie verwechseln; vielmehr ist dieser Roman das zu Literatur gewordene Leben des Michael Köhlmeier. Und in diesem Sinn ist auch die Fiktion die reine Wahrheit, nichts als die Wahrheit. „Erfinde mich neu“, sagt der Vater an einer Stelle zum Erzähler. „Ich gebe dir eine Carte blanche.“ Köhlmeier setzt diese Karte gekonnt ein, geht voll gnädiger Zuneigung mit den Seinen um, erspart ihnen aber auch nicht deren Launen, Lügen und Lässlichkeiten.

„Monika“. Sie wie in den meisten seiner Bücher liest man auch in diesem diese Widmung. Mit ihr hält Michael Köhlmeier auch immer wieder Zwiesprache in diesem ebenso wunderbaren wie schmerzhaften Buch; mit ihr, jener Frau, mit der er sein privates Glück geteilt hat. „Alles wird sich irgendwann zurechtschütteln, darin liegt die Zuversicht meines Lebens“, ist an einer Stelle zu lesen. Im Drehbuch des Lebens steht etwas anderes.

Michael Köhlmeier. Mein privates Glück. Hanser, 316 Seiten, 26,80 Euro.

Zur Person

Michael Köhlmeier, geboren 1949, liebt in Hohenems/Vorarlberg und Wien. Sein literarisches Schaffen begann Anfang der 1980er-Jahre mit Hörspielen, Debütroman „Der Peverl Toni und seine abenteuerliche REise durch meinen Kopf“. Seither ein umfangreiches, vielfach ausgezeichnetes Werk. Seit 1981 war Michael Köhlmeier mit der Schriftstellerin Monika Helfer verheiratet, die am 2. August nach einem Sturz verstarb.

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