Kleine Zeitung als bevorzugte Google-Quelle hinzufügen.

Ungünstige Arbeitsbedingungen begünstigen Gewalt im Job

Ungünstige Job-Bedingungen und Gewalt am Arbeitsplatz gehen oft Hand in Hand. Die Fälle in Österreich steigen, immer mehr Menschen werden Opfer von Übergriffen. Betroffene erleben in der Folge etwa Angst oder Panik, Schlafstörungen, Muskelzittern, Schweißausbrüche, Depressionen, Suchtprobleme oder eine posttraumatische Belastungsstörung. Eine AK-Expertin nimmt im Gespräch mit der APA die Arbeitgeber in die Pflicht. Sie müssten die Mitarbeiter schützen, bevor etwas passiert.

Arbeitgeber haben Fürsorgepflicht für ihre Beschäftigten
© APA/dpa
Arbeitgeber haben Fürsorgepflicht für ihre Beschäftigten

"Gewalt oder Belästigung sind immer ein Angriff auf die Integrität und die Würde des Menschen", sagte Johanna Klösch, Arbeits- und Organisationspsychologin und Referentin in der Abteilung Arbeitnehmerinnenschutz und Gesundheitsberufe in der Arbeiterkammer Wien. Gewalterfahrungen würden viel Leid für die Betroffenen bedeuten, betont sie. Die körperlichen und psychischen Konsequenzen könnten zu einer dauerhaften Persönlichkeitsveränderung der Opfer führen, berichtet sie aus ihrem Tätigkeitsbereich.

Aufgabe der Arbeitgeber wäre es laut Arbeitnehmerschutzgesetz, präventiv dafür zu sorgen, dass es überhaupt nicht zu Gewalt am Arbeitsplatz kommen kann. In erster Linie wegen der Gesundheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst - und in zweiter Linie, weil in Betrieben die Produktivität sinkt und Kosten und Krankenstände steigen, wenn man von Gewalt Betroffene in der Belegschaft hat.

"Nicht die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen sich schützen", unterstreicht Klösch im APA-Gespräch. Sondern die Arbeitgeber hätten eine Fürsorgepflicht, mit der sie die Sicherheit und die Gesundheit am Arbeitsplatz schützen müssen. "Nicht erst dann, wenn etwas passiert ist, sondern im Vorfeld", so die Psychologin. Man dürfe hier nicht die Verantwortung umkehren, warnte sie und schloss eine Forderung an: "Es braucht verbesserte Schutzmaßnahmen für die Beschäftigten!"

Ihrer Erfahrung nach kommen die Arbeitgeber ihrer Verpflichtung jedoch nicht ausreichend nach. Das zeigen auch Zahlen der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz. 56,7 Prozent der Betriebe in Österreich haben kein Verfahren, um mit möglichen Fällen von Bedrohung, Beleidigung oder Angriffen umzugehen. 61,7 haben keine Verfahren für den Umgang mit möglichen Fällen von Mobbing oder Belästigung. Klösch wünscht sich hier bessere Maßnahmen und eine bessere Dokumentation von Fällen. Damit die Arbeitsinspektion leichter kontrollieren könnte, ob nach einem Fall von Gewalt - egal ob physisch oder psychisch - die richtigen Maßnahmen gesetzt wurden.

In Sachen Prävention nennt Klösch einige strukturelle Maßnahmen, mit denen man Konfliktpotenzial einsparen könnte. "Alleinarbeit ist immer problematisch", spielt sie etwa auf Solo-Nachtdienste in Pflegeheimen an. Müssten Patienten lange warten, weil ein Mitarbeiter eine ganze Station alleine betreuen muss, komme es oft zu Übergriffen. Die chronische Unterbesetzung spiele hier eine große Rolle, so Klösch. Apropos Warten: Auch Wartezonen in Krankenhäusern könne man so umgestalten, dass sich der Unmut der Wartenden in Grenzen hält. "Mit Raumgestaltung kann man einiges erreichen", sagte sie.

Die allgemeine Zunahme von Gewalt am Arbeitsplatz hat für die AK-Expertin multikausale Ursachen. "Meiner Ansicht nach kann man das nicht auf einen Faktor beschränken", ist sie überzeugt. Schlechte Arbeitsbedingungen gepaart mit unzureichenden Schutzstandards seien aus ihrer Sicht für die steigenden Zahlen verantwortlich. Außerdem würden sich viele Menschen in der aktuellen weltpolitischen Lage mit monetären Auswirkungen auf jeden Einzelnen im "emotionalen Dauerstress" befinden, der dazu führen könne, dass Konflikte schneller eskalieren.

So auch in Bezug auf Mobbing: "Das Thema Mobbing ist kein rein persönliches. Mobbing tritt dort verstärkt auf, wo die Arbeitsbedingungen nicht passen", merkte die Psychologin an. "Der Mensch, der mobbt, ist oft Symptomträger für schlecht gestaltete betriebliche Strukturen", analysiert sie. Zeit- und Konkurrenzdruck zum Beispiel sind betriebliche Faktoren, die Mobbing begünstigen. Daher müsse man bei solchen Strukturen anfangen, um ernsthaft Mobbingprävention zu betreiben. "Es ist schon ein systemisches Thema", versicherte Klösch.

Im Endeffekt laufe alles auf die Arbeitgeberverantwortung hinaus, hob die Fachfrau hervor. Zum Beispiel beim viel beschimpften Parkwächter: "Da weiß der Arbeitgeber, dass Gewalt eine Gefahr ist", so Klösch. Daher müsse er Schutzmaßnahmen setzen, vor allem präventiv. Denn eine Deeskalationsschulung zur Klärung von Konflikten mit verärgerten Parksündern zum Beispiel würde die Verantwortung wieder dem Beschäftigten zuschieben. "Aber es sind die Arbeitgeber, die die Beschäftigten schützen müssen", untermauerte die Spezialistin ihre Forderung.