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Der Hitze folgen Verfall und Ausnahmezustand

Von Albert Camus über Thomas Mann bis zu F. Scott Fitzgerald: Warum die heißeste Jahreszeit in der Weltliteratur so oft zur Zeit des Kampfes, der Krise und der Katastrophe wird.

Marcello Mastroianni im Film „Der Fremde“ aus dem Jahr 1967
© Cinema.de
Marcello Mastroianni im Film „Der Fremde“ aus dem Jahr 1967
Bernd Melichar
Redakteur Kultur & Medien

„Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern. Ich weiß es nicht.“ Was für ein grandioser und grausamer Satz. Mit ihm beginnt der Roman „Der Fremde“ von Albert Camus. Meursault, die Hauptfigur, sagt ihn. Doch die tragende Rolle in diesem Hauptwerk des Existenzialismus spielt nicht er, sondern sie: die Sonne. Sie hat die Macht, sie reflektiert die moralischen Abgründe. Schon bei der Beerdigung der Mutter ist die Hitze unerträglich, Meursault registriert die Sonne, seinen Schweiß und seine Erschöpfung genauer als seine Trauer. Später, in der Schlüsselszene des Romans, erreicht die extreme Mittagshitze ihren Höhepunkt. Der Sommer ist keine Kulisse mehr, sondern existenzieller Druck und Brandbeschleuniger: Meursault begegnet am Strand einem Araber, das gleißende Licht spiegelt sich auf dessen Messer, Meursault schießt. Beim Mordprozess steht dann sogar Meursaults mögliche Unzurechnungsfähigkeit nach Stunden in praller Sonne im Raum.

Der Sommer, die Hitze, das gleißende Licht, drückende Schwüle; was wir derzeit am eigenen Leib spüren, war auch oft das Setting in Werken der Weltliteratur. Wobei der Sommer dort meist nicht als Zeit der Leichtigkeit und Entschleunigung in Erscheinung tritt, ganz im Gegenteil: Wenn große Literaten die Temperatur steigen lassen, wird es schnell ungemütlich. Dann flirrt die Luft, die Nächte bringen keine Abkühlung mehr, Leidenschaften geraten außer Kontrolle und die gesellschaftliche Ordnung beginnt sich aufzulösen. Der literarische Sommer ist selten bloß eine Jahreszeit. Er ist ein Zustand. Ein Zustand, der die ohnehin fragilen Regeln der Zivilisation außer Kraft setzt.

Krankheit und Kontrollverlust.

Bedrohlich und entgrenzend erscheint der Sommer auch in Thomas Manns berühmter Novelle „Der Tod in Venedig“ aus dem Jahr 1911. Gustav von Aschenbach, ein berühmter, disziplinierter Schriftsteller, reist nach Venedig und begegnet dort dem schönen polnischen Jungen Tadzio. Was zunächst wie eine ästhetische Bewunderung erscheint, entwickelt sich zunehmend zur Obsession – und über allem liegt die venezianische Sommerhitze. Der Sommer bringt bei Thomas Mann nicht Freiheit, sondern Verfall – und letztendlich den Tod. Das Morbide der Stadt, der Moder, die Erosion der Moral, der letzte Sinnesrausch eines Mannes, dessen streng geordnetes Leben zerfällt, münden in Krankheit und Kontrollverlust. Eine Cholera-Epidemie, von Indien kommend, erreicht Venedig.  Infiziert durch überreife Erdbeeren stirbt Aschenbach an der Cholera, während er aus seinem Liegestuhl Tadzio ein letztes Mal am Strand beobachtet. „Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf das Nichts des Neuen.“ Aber das wiederum ist ein Satz von Samuel Beckett, mit dem er seinen Roman „Murphy“ beginnt.

Szene aus dem Film „Der Tod in Venedig“
© Warner
Szene aus dem Film „Der Tod in Venedig“

Etwas heller und zunächst weniger bedrohlich beginnt der Sommer in F. Scott Fitzgeralds „Der große Gatsby“. Long Island in den 1920er-Jahren: Villen, Gärten, Automobile, Cocktails, Musik, Swimmingpools. In Jay Gatsbys Haus werden rauschende Feste gefeiert. Gäste kommen und gehen, ohne ihren Gastgeber wirklich zu kennen. Es ist vielleicht einer der glamourösesten Sommer der Literaturgeschichte. Doch auch dieser Sommer ist vergiftet, trügerisch und voll falscher Versprechungen. Anfangs besitzt die Jahreszeit etwas Schwebendes. Die Nächte scheinen endlos, Champagner fließt, Musik erklingt, Menschen tanzen unter Lichterketten. Es herrscht die Illusion, dass dieser Zustand niemals enden müsse. Jay Gatsby hat sein gesamtes Leben auf einer Illusion aufgebaut, hat Reichtum angehäuft, eine prachtvolle Villa gekauft und sich eine neue Identität geschaffen. Doch die Fassade zerbricht – und der heißeste Tag des Sommers wird zum dramatischen Wendepunkt des Romans.

Robert Redford als Jay Gatsby in der Verfilmung des Romans von F. Scott Fitzgerald
© KK
Robert Redford als Jay Gatsby in der Verfilmung des Romans von F. Scott Fitzgerald

„Der Sommer ist eine Zeit der Hitze und gerade die brütende Hitze brütet in der Weltliteratur oft die hitzigsten und unausweichlichsten Dinge aus“, sagt auch Klaus Kastberger, Literaturwissenschafter und Leiter des Grazer Literaturhauses, und verweist auf einen Autor und Nobelpreisträger, den man nicht spontan mit dem Sommer in Verbindung bringen würde. „Peter Handke lässt seinen Haupthelden in dem Roman ,Der kurze Brief zum langen Abschied‘ durch eine sommerliche USA reisen. Was war das damals noch für ein tolles Land unbegrenzter Sehnsucht? Genau hier findet dann in den unendlichen sommerlichen Weiten im Protagonisten eine Wandlung zu einem hochgradig sensiblen Beobachter statt.“

Und am Schluss noch ein sommerlicher Lesetipp von Kastberger: „Jener Sommer, der am unmittelbarsten an unsere Hitzesommer der letzten Jahre erinnert, wird von dem Schweizer Schriftsteller C.F. Ramuz in seinem Buch ,Sturz in die Sonne‘ beschrieben. Heißer als hier kann es in Literatur nicht mehr werden und alle sind, während sie verbrennen, nur noch mit sich selbst beschäftigt. Im Buch geht es um das Verschwinden von Lebensmöglichkeiten auf der Erde, verursacht von der Krone der Schöpfung, dem Menschen himself. “ Erschienen ist das prophetische Werk übrigens 1922.

Lesetipps

Albert Camus. Der Fremde.
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Thomas Mann. Der Tod in Venedig.
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F. Scott Fitzgerald. Der große Gatsby
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C.F. Ramuz. Sturz in die Sonne
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