Irland schafft Register für Gewalttäter
Ob wir einen Partner in einer Bar, beim Sport oder über eine Dating-App kennenlernen: Ihm steht nicht auf der Stirn geschrieben, ob er Ex-Partnerinnen misshandelt hat. Auch in Irland nicht. Dort aber steht das bald im Netz. Durch das neue Gesetz "Jennie's Law" soll es ein öffentlich einsehbares Register von verurteilten Gewalttätern geben. Das Gesetz wurde im Juli vom irischen Parlament verabschiedet.

Benannt ist das irische Gesetz nach Jennifer "Jennie" Poole aus Dublin. Siebenmal stach ihr Ex-Freund am 17. April 2021 auf Jennie ein, dann starb die 24-jährige Mutter von zwei Kindern. Der Täter wurde am 29. April 2022 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.
Dabei hatte er bereits zwei Jahre im Gefängnis gesessen, weil er 2015 eine Ex-Partnerin und ihre Mutter mit einem Messer angegriffen hatte. Jennie Poole wusste davon nichts. Auch ihre Familie erfuhr das erst vor Gericht - und kämpfte in der Folge vier Jahre für das neue Gesetz.
Als Anfang Juli 2026 die 43-jährige Jamey Carney aus Killarney im County Kerry getötet wird und der Verdächtige flüchtet, hieß es in sozialen Medien: Die Mutter habe sich und ihr Kind durch das Eingehen einer Beziehung selbst in Gefahr gebracht. Victim Blaming nennt man es, wenn Betroffenen eine Mitschuld am Geschehen zugeschrieben wird. Aber: Warnzeichen werden nicht immer erkannt. Kontrolle kann wie Fürsorge wirken, extreme Aufmerksamkeit wie Zuneigung.
Die Organisation Women's Aid Ireland verzeichnete 2025 in Irland mehr als 62.000 Meldungen von Gewalt gegen Frauen und Kindern, darunter Morddrohungen, Vergewaltigungen und Stalking. Das ist etwa ein Drittel mehr als im Vorjahr.
"Ich hatte jahrelang einen kontrollsüchtigen Partner und fühlte mich die meiste Zeit bedroht", sagt Catherine Troy, 36, aus Dublin (Name geändert) der Deutschen Presse-Agentur. Ein öffentliches Register hätte für sie einen großen Unterschied gemacht. "Es ist traurig, dass wir als Gesellschaft so weit gehen müssen", sagt sie. Vor einer Beziehung prüfen zu können, ob jemand als gewalttätig bekannt sei, empfindet sie als "enorme Erleichterung".
"Jennie's Law" sei aus einer schlimmen Tragödie entstanden, habe "aber ein riesiges Potenzial, andere Menschen vor ähnlichem Leid zu bewahren", sagte Anne Clarke vom Hilfsdienst für Opfer häuslicher Gewalt im County Offaly zuletzt dem Sender RTÉ.
Ein Gesetz wie "Jennie's Law" ist in seiner Gestaltung in Europa einzigartig. In Großbritannien gibt es mit dem ebenfalls nach einem Mordopfer benannten "Clare's Law" zwar ein ähnliches Warnsystem. Dort kann aber nur bei der Polizei Auskunft über eine gewalttätige Vergangenheit des Partners beantragt werden, einen unbürokratischen Weg gibt es nicht.
Die Aufnahme von Straftätern in das irische Register erfolgt nicht automatisch, darüber entscheidet das Gericht. Grundsätzlich ist zudem die Zustimmung der Betroffenen nötig. Hilfsorganisationen warnen dabei, sie könnten sich gedrängt fühlen, zwischen ihrer Anonymität und dem Schutz anderer entscheiden zu müssen.
"Die Gesetzgebung umfasst schwere Straftaten wie Mord, Totschlag, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung", sagt Lisa Ann Wilkinson, Rechtsanwältin für Betroffene und Überlebende häuslicher Gewalt, dem irischen Radiosender "Newstalk". Doch auch Straftaten wie Stalking, Belästigung oder Freiheitsberaubung fielen darunter.
Nach drei Jahren können Täter beantragen, aus dem Register gelöscht zu werden. Wilkinson sieht darin ein Problem: "Wenn Frauen aus einer Beziehung geflohen sind, können sich Missbrauch und Gewalt nach der Trennung über zehn, 15 Jahre hinziehen, oft bis das jüngste Kind 18 ist. Drei Jahre sind also eine recht kurze Zeitspanne", so die Expertin. Daran müsse gearbeitet werden.
In Österreich ist derzeit kein vergleichbares Verzeichnis geplant. Es sind aber Fußfesseln bzw. Armbänder für Hochrisiko-Gewalttäter mit einstweiliger Verfügung in Folge eines Betretungsverbots geplant.
"Jennie's Law" ist das zweite irische Gesetz, welches den Namen einer Betroffenen trägt. "Coco's Law", benannt nach der verstorbenen Nicole "Coco" Fox, verschärfte den Schutz vor Cybermobbing und der unerlaubten Verbreitung intimer Aufnahmen. Mit den Namen der Frauen werden aus abstrakten Straftatbeständen Lebensgeschichten. Die irischen Beispiele zeigen, dass hinter Statistiken Menschenleben stehen, die es zu schützen gilt.
(S E R V I C E - In Österreich finden Frauen, die Gewalt erleben, u. a. Hilfe und Informationen bei der Frauen-Helpline unter: 0800-222-555, www.frauenhelpline.at; beim Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) unter www.aoef.at; Gewaltschutzzentrum Wien: https://www.gewaltschutzzentrum.at/wien/ und beim 24-Stunden-Frauennotruf der Stadt Wien: 01-71719 sowie beim Frauenhaus-Notruf unter 057722 und den Österreichischen Gewaltschutzzentren: 0800/700-217; Polizei-Notruf: 133)