Steirer an spanischer Mobilfunkspitze: „Wir hatten viele Krisen“
Der Seckauer Meinrad Spenger steht heute an der Spitze von MasOrange, Spaniens größtem Mobilfunker. Ein Gespräch über Jahre mit Pasta und Pesto, aber ohne Gehalt. Und: Wie sollen wir mit der KI umgehen?
Sie trafen in Madrid jüngst auf den Papst. Ein besonderes Erlebnis für den einstigen Stiftsgymnasiasten?
MEINRAD SPENGER: Es war eine Gänsehaut-Erfahrung. Auch der Ablauf. Normalerweise schüttelst du bei einer Audienz dem Papst kurz die Hand und nach 30 Sekunden war's das. Wir aber haben das Protokoll ein wenig hintergangen und dem Papst eine Jesus-Statue des spanischen Bildhauers Víctor Ochoa überreicht. So schafften wir es, mehrere Minuten mit dem Papst zu sprechen. Was mich ehrlicherweise auch beeindruckt hat: Als Unternehmen haben wir es ermöglicht, dass während des Papst-Besuchs 1,5 Millionen Menschen im Zentrum Madrids zugleich gute Mobilfunknetzqualität hatten.
Was musste getan werden, um das zu garantieren?
Wir haben Antennen verstärkt und die Kapazitäten auf die Plaza de Cibeles hin fokussiert.
Heute stehen Sie an der Spitze von Spaniens größtem Mobilfunker und können derlei Veranstaltungen orchestrieren. Aber blicken wir 20 Jahre zurück. Auf das Jahr 2006 und einen österreichischen Juristen, der in Spanien die Mobilfunkmarke MásMóvil gründet. Warum eigentlich?
Das hat mit meiner Herkunft zu tun, mit Seckau. Es gab nämlich einen anderen Seckauer, den Josef Mayer, der in Österreich ein paar Jahre davor mit Yesss! ein alternatives Mobilfunkangebot sehr erfolgreich auf den Markt brachte. Da dachte ich mir, das muss doch in Spanien auch funktionieren und hab Mayers Idee kopiert.

Wie sah Spaniens Mobilfunkmarkt damals aus?
Es gab nur drei Anbieter. Telefónica, Orange und Vodafone. Die Servicequalität war sehr schlecht, das Preisniveau extrem hoch und die Kundschaft die unzufriedenste in ganz Europa. Außerdem öffnete die Regulierungsbehörde 2006 den Markt. Da haben ein Freund, der Norweger Christian Solli Nyborg, und ich beschlossen: Das packen wir an. Natürlich war es eigentlich ein verrücktes, nicht sehr realistisches Abenteuer.
Das gleich zu Beginn auch auf größere Hürden stieß.
Es war nicht von Anfang an eine Erfolgsgeschichte. Wir hatten viele Krisen. 2006 sind wir nach Spanien gezogen und sahen dann zwei Jahre in Wahrheit erst einmal kein Licht. 2008 schlossen wir endlich einen Vertrag, um das Netz eines Mobilfunkmieters anzumieten. Erst mit dieser Miete konnten wir beginnen, das Mobilfunkservice anzubieten. Da hatten wir zwei Jahre Pasta und Pesto hinter uns. Kein Gehalt. Eine enge Wohnung. Unsere Eltern gaben uns Kredite. Trotzdem war es lustig und trotzdem haben wir uns gegenseitig motiviert. . .
. . . und plötzlich stand die Finanzkrise ante portas.
Ja, gefühlt brach alles zusammen. Der Immobilienmarkt krachte, der Schuldenberg wuchs an, es gab kein Wirtschaftswachstum und die Arbeitslosigkeit schnellte auf 23 Prozent nach oben. In dieser Zeit starteten wir unsere Firma. Ohne Eigenkapital. Meine Mutter rief mich zu dieser Zeit einmal im Monat an und fragte: „Meini, wann kommst denn heim?“. MásMóvil war bis 2013 nicht rentabel, wir hatten kaum Zugang zu Geld für Investitionen. Aber wir sind trotzdem gewachsen.
Wie?
Voller Fokus auf Kundenzufriedenheit und gutes Service. Außerdem adressierten wir Kundenkreise, die von den bestehenden Anbietern nicht adressiert wurden. Zum Beispiel die europäischen Ausländer in Spanien, die Expats. Dann kam die Mundpropaganda dazu und es begann zu laufen. 2014 gingen wir schließlich in Spanien an die Börse – von da an wurde es einfacher. Aber 2006 bis 2014? Schwierige Zeit, durchgehende Krise.

Was nimmt man eigentlich rückblickend aus solch einer krisenbehafteten Zeit mit?
Überzeugungen. Und Sachen, bei denen wir heute wissen, dass wir sie als Firma machen müssen. Wir wollen die zufriedensten Kunden in Spanien. Das ist leicht dahergesagt, aber in der Praxis muss man an vielen kleinen Schrauben drehen. Wir haben vier Werte im Unternehmen etabliert: Kundenorientierung, positive Einstellung, Pragmatismus – also wir treffen unsere Entscheidungen rasch und setzen diese auch schnell um – und Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Teams. Und, das möchte ich an dieser Stelle schon auch sagen: Gerade in Krisenzeiten braucht man Glück. Aber ich bin der Meinung, dass man Glück beeinflussen kann.
Weil man es sich sprichwörtlich erarbeiten kann?
Ja, aber ich würde dem noch etwas hinzufügen. Jemand, der mehr lächelt und freundlich zu seinen Mitmenschen ist, hat mehr Glück. Zusätzlich hat jemand Glück, der sich mit Menschen unterhält. Mit neuen Menschen, nicht immer mit denselben. Dann lernt man und es ergeben sich viele hilfreiche Zufälle, die wir vielleicht als Glück interpretieren. Als ich nach Spanien gezogen bin, hatte ich niemanden gekannt. Aber ich begann einfach, mit Leuten über uns, über unser Projekt zu sprechen.
Reicht ein freundliches Wesen wirklich aus, um kulturelle Barrieren zu überwinden? Hatten Sie nie das Gefühl, dass Ihnen Wege versperrt blieben, weil Sie kein Spanier sind?
Inzwischen bin ich ja auch Spanier, einer der wenigen Doppelstaatsbürger. Aber nein, ich hatte nie das Gefühl, dass ich schlechter behandelt werde, weil ich kein Spanier bin. Das ist vielleicht sehr speziell. Auch in Madrid fühlt man sich nicht alleine. Selbst, wenn man kaum Spanisch kann.
Blickt man auf Ihre jüngere Managementkarriere, wirkt diese wie ein stetiger Aufstieg. MásMóvil war lange der schnellstwachsende Mobilfunker Europas, Sie wurden in Spanien mehrfach ausgezeichnet und bei der Fusion mit Orange war früh klar, dass Sie auch an der Spitze des neuen Riesen stehen werden. Warum lief es zuletzt anscheinend so friktionsfrei?
Bei MásMóvil gab es schon auch Spannungen, unterschiedliche Sichtweisen. Aber, das kann ich sagen, Christian und ich sind auch 20 Jahre danach noch immer gute Freunde. Wenn es nicht so gut läuft, merkt man erst, ob es wirkliches Vertrauen, wirklichen Zusammenhalt gibt. Ich hatte das Glück, ob bewusst oder unbewusst, viele gute Kolleginnen und Kollegen auszusuchen. Ich glaube, dass eine der wichtigsten Eigenschaften eines Managers ist, authentisch zu sein. Und ich glaube auch, dass das eines meiner Merkmale ist. Ich verstell mich nicht, bin so wie ich bin.
Die Antwort muss Proaktivität sein. Wenn wir Vorreiter sind, können wir die Zukunft mitgestalten.
— Meinrad Spenger über den Umgang mit KI
Nach welchen Prinzipien führen Sie die Belegschaft eigentlich?
Wir haben eine Devise, die ist ganz einfach: Wir sind ein großes Unternehmen, mit 8500 Beschäftigten, wollen aber wie ein kleines Unternehmen funktionieren. Ohne unnötige Bürokratie, mit viel Geschwindigkeit in der Entscheidungsfindung, mit Innovationsdrang. Wir wollen die Ersten sein, die KI-Innovationen nützlich etablieren und haben rund 50 Agenten in der Firma bereits eingesetzt.
Sind Sie sicher, dass KI-Anwendungen Ihrem Unternehmen immer weiterhelfen werden?
Natürlich sehen wir auch gewisse Unsicherheiten. Aber es ist unsere Aufgabe, die Teams bestmöglich auf die Zukunft vorzubereiten. 80 Prozent der Beschäftigten verwenden jede Woche irgendwelche KI-Tools, die wir ihnen zur Verfügung stellen. Das ist nicht immer einfach. Viele Leute haben, verständlicherweise, nicht die Lust, ihre Arbeitsweise nach 30 Jahren plötzlich umzustellen. Aber wir wollen es vorantreiben, dass die Leute fit für die Zukunft werden. Klar ist: Augen zumachen und nichts zu tun, ist nicht die Lösung. Welche konkreten Auswirkungen KI auf den Jobmarkt haben wir? Das ist schwierig vorauszusehen.
Mit welchen Folgen rechnen Sie?
Wir wissen, dass es bei vergangenen industriellen Revolutionen danach immer mehr Arbeitsplätze gab als zuvor. Trotzdem dürfen wir diese Diskussion jetzt nicht naiv führen, wir müssen Sorgen ernst nehmen. Die Antwort muss Proaktivität sein. Wenn wir Vorreiter sind, können wir die Zukunft mitgestalten. Wir brauchen gut ausgebildete Mitarbeiter, die flexibel sind und in der Lage, neue Tätigkeiten auszuüben. Es entstehen zurzeit fast wöchentlich neue Jobprofile.
Zur Person
Meinrad Spenger, 1975 in Knittelfeld geboren und in Seckau aufgewachsen.
Maturierte am Abteigymnasium Seckau. Danach Jusstudium in Graz und MBA in Madrid. Von 2001 bis 2006 war Spenger Berater bei McKinsey.
2006 gründete der Vater zweier Töchter das spanische Telekommunikationsunternehmen MásMóvil und formte es zum schnellstwachsenden Mobilfunker Europas.
Heute ist Spenger CEO von MasOrange, Spaniens größter Telekomfirma. Das Unternehmen zählt 8500 Beschäftigte und rund 33 Millionen Kundinnen und Kunden.


