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Freddy Quinn: Von Niederfladnitz in die Südsee

Der ewige Seemann und Junge von Nebenan war ein Superstar der Sechziger. Und ein Vorzeigehamburger aus dem tiefsten Österreich. Am Sonntag wird er 95.

Freddy Quinn  im Oktober 1984 in „Große Freiheit Nr. 7“ im Operettenhaus Hamburg
© IMAGO/teutopress
Freddy Quinn im Oktober 1984 in „Große Freiheit Nr. 7“ im Operettenhaus Hamburg
Martin Gasser
Ressortleitung Kultur und Medien

Mitten in den 1950ern gelang dem kleinen, drahtigen Mann der Durchbruch. Der 24-Jährige hatte mit seinem vollen Bariton das „Heimweh“ besungen, die eingedeutschte Fassung von Dean Martins „Memories are made of this“. Der schmalzig-romantische US-Song über die Liebe eines Lebens wurde von Martins weicher Stimme wie von sanftem Mondlicht beschienen. Freddy Quinn singt dagegen von einem harten Leben fern der Heimat, mit einer markigen Stimme, die im Vergleich zum amerikanischen Crooner wie ein Panzer wirkt. Es war die ins Negative gekehrte Romantik von einem, der alles verloren hat.

Freddy Quinns erster Hit traf einen Nerv. Die verlorenen Generationen des Weltkriegs fanden sich in dieser sentimentalen Schwermut wieder. Aber es blieb damals nicht wirklich Zeit oder Muße zu Trauer, die Konjunktur riss Deutschland wieder nach oben. Freddy Quinns melancholische Sehnsuchtslieder begleiteten die Wirtschaftswunderjahre. Während man mit Optimismus in die modernen Zeiten blickte, über Eigenheim und Wohnwand nachdachte, handeln Quinns Lieder von fernen Gestaden, von Einsamkeit und Verlust. Quinns Lieder waren ein Refugium des Gefühls in technokratischen Zeiten der Ökonomisierung. Mit seiner imposanten Stimme pflegte er das Fernweh der kleinen Leute, sang von Träumen und einer besseren Welt. Ein Spießer, der den Kopf immer draußen auf dem Meer hatte, eine Erscheinung, in der Weltläufigkeit und Biederkeit auf einmalige Art zusammentreffen: Freddy, der Junge von nebenan spricht sieben Sprachen.

Blitzsauberes Image

Quinn war dabei abonniert auf den Typus „Seemann“ und „Zirkusmensch“, eigentlich also ein Außenseitertyp, aber sein Image war dennoch so blitzsauber, wie das weiße Schiff nach Hongkong, das er 1959 im Film „Freddy unter fremden Sternen“ besungen hat. Dabei ist er selbst, im echten Leben, anfangs auch recht unstet gewesen. Mit 15 lief er von zuhause weg und unterhielt in den Häfen des Mittelmeers Soldaten mit seinem Gesang. In Hamburg wurde er zum Star der Musicalbühne und zum Plattenmillionär. Und dann auch noch zum Filmstar. Dabei ist der typische norddeutsche Jung‘ ein Österreicher mit Taufnamen Franz Nidl. In Niederfladnitz oder Wien geboren, das ist nicht so sicher. Wer sein leiblicher Vater war, erfuhr er nicht. Erst sehr spät enthüllte er diesen Teil der Familiengeschichte, um auch seine Version zu erzählen.

Am Zenit seiner Popularität schlugen die Zeiten wieder einmal um. Die Gegenkultur der Jugend in den Sechzigern fand in Freddy Quinn einen Antagonisten. 1966 nahm er den Anti-Hippie-Song „Wir“ auf: „Ihr lungert herum in Parks und in Gassen, wir können eure sinnlose Faulheit nicht fassen“. Ein rechter Protestsong gegen den Zeitgeist.

Seine große Phase als Deutschlands Superstar verging im Laufe der Siebziger, dem Wahlhamburger blieben die Theaterbühne und das Fernsehen, hin und wieder war auch seine späte Karriere vom Zirkusduft durchsetzt. Seinem Image als Seemann, als Abenteurer und Artist konnte auch die größte Solidität in der persönlichen Lebensführung nichts anhaben. 2008 setzte sich der Mann, der 60 Millionen Tonträger verkauft hat, zur Ruhe. Mit seiner zweiten Frau Rosi lebt er seit zwei Jahren auf einem alten, renovierten Bauernhof in Schleswig-Holstein.