Er ist schon imposant, dieser riesige, 28 Meter hohe, schräge, zersplitterte Spiegel, der die Bühne dominiert. Er stellt offensichtlich eine Metapher für fragiles Glück und zerbrochene Liebe dar. Darauf werden mehrmals auch kurze Filme mit Stationen aus Violetta bisherigem Leben als Luxusprostituierte gezeigt: So beeindruckend bildmächtig zeigt sich das Bühnenbild (Paolo Fantin) bekanntlich ja immer schon das Markenzeichen des Bodensees - bei Giuseppe Verdis „La traviata“. Man glaubt es kaum, aber diese Oper zum 80-jährigen Jubiläum der Bregenzer Festspiele wird überhaupt erstmalig auf der Seebühne aufgeführt.

Einsam streift Violetta mit einem Handspiegel zu den zarten Klängen des Vorspiels über die Bühne. Dann stürmt eine bunte Partygesellschaft in Glitzergewändern aber auch Badeanzügen und -hauben wild tanzend hervor, bevölkert die Bühne oder plantscht ziemlich überzogen im Wasser mit Luftmatratzen und Schwimmreifen. Wasserfontänen spritzen, ein rauchender, feuerroter Ring hebt sich mit großem Schauwert.

Obwohl die Oper eigentlich mehr ein intimes Kammerspiel ist, gelingt es Damiano Michieletto in seiner stimmungsvollen Inszenierung den Kontrast zwischen Lebenslust und Tod in den wilden 1920er Jahren mit Kostümen aus der Zeit (Carlo Teti) auch mit vielen vitalen Balletteinlagen (Thomas Wilhelm) zu zeigen. Er vernachlässigt dabei aber auch nicht das emotionale Kammerspiel der Protagonisten, was bei den riesigen Dimensionen teils für zu große Distanzen sorgt. Besonders stark gelingt ihm das Finale, wenn sich aus dem immer mehr zerborstenen Spiegel eine große, schwarze Kugel als unausweichliches Todessymbol auf Violetta herabsenkt und diese noch Blumen pflückt, die aus dem Bühnenboden und dem Wasser hervorsprießen, bevor sie stirbt.  

Marjukka Tepponen ist die Violetta

„Addio del passato bei sogni ridenti“: Violettas Abschied von der Vergangenheit, vom Leben wurde von Verdi in ergreifenden Gesang gegossen. Diese Arie wirkt umso mehr, wenn sie mit solch berührender Innigkeit gestaltet wird, wie von Marjukka Tepponen. Die Finnin kann als Titelheldin aber auch sonst mit feinen Piani, reichen Schattierungen und blitzsauberen Koloraturen ihres ausgesprochen schönen Soprans faszinieren. Julien Behr als Alfredo singt anfänglich in den tieferen Lagen recht vibratoreich und eng in der Höhe, kann sich jedoch im Laufe des Abends steigern. Vladimir Stoyanov ist sein nobler Vater Giorgio Germont mit warmem, kernigem Bariton. Alle Protagonisten müssen immer wieder durch knietiefes Wasser waten, dessen Sinn sich nicht erschließt. Tadellos sind auch die vielen kleinen Partien insbesondere Melissa Zgouridi als Annina und der Bregenzer Festspielchor und Prager Philharmonische Chor zu hören.

Beeindruckende Bühne
Beeindruckende Bühne © Daniel Ammann

Dass es an großen Gefühlen nicht mangelt, dafür sorgt auch Kirill Karabits erstmals am Pult der Wiener Symphoniker: Er weiß packende Dramatik, strukturelle Klarheit aber auch feinste Piani zu erzeugen. Er kann die Sänger wunderbar begleiten und die Chormassen mühelos zusammenzuhalten. Für die Reinheit dieser reichschattierten Klange sorgt eine der besten Tonanalagen der Welt. Die Produktion wird 2027 wiederholt, für übernächstes Jahr ist Richard Wagners „Fliegender Holländer“ geplant.

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