Elisabeth Sobotka: „Man kämpft für das, wofür man brennt“
Die Wienerin Elisabeth Sobotka leitet das wichtigste Opernhaus im von Finanznöten geplagten Berlin. Ein Gespräch über die Krisen der Kultur und den missionarischen Eifer, wie man ihnen begegnet.

Frau Sobotka, der Anlass für unser Gespräch ist die Frage, wie man in schwierigen Zeiten Wege aus der Krise findet und sich Hoffnung und Resilienz bewahrt. Als Sie die Intendanz der Berliner Staatsoper übernommen haben, sind zugleich massive Einsparungen im Kulturbereich angekündigt worden.
Elisabeth Sobotka: An meinem ersten Arbeitstag hat mir der damalige Kultursenator mitgeteilt, dass zehn Prozent des Budgets eingespart werden müssen. Ich war ehrlich gesagt überrascht, weil ich vorher überhaupt nicht darüber informiert worden war. Er war damals irritiert darüber, dass die Kultureinrichtungen so großen Widerstand dagegen geleistet haben. Er hat offenbar gedacht, zehn Prozent Einsparung seien relativ unkompliziert umzusetzen. Aber wenn in einem Opernhaus rund 80 Prozent des Budgets Personalkosten sind, dann kann man nicht einfach zehn Prozent einsparen. Das bedeutet, Produktionen abzusagen – und das Personal muss trotzdem bezahlt werden.
Das heißt, der Spardruck war enorm.
Am Anfang herrschte die Vorstellung, dass das schon irgendwie funktionieren werde. Später hieß es nur noch: Das ist die Vorgabe des Finanzsenators. Für die Kultureinrichtungen war das besonders schwierig, weil sie erwartet hatten, dass ihr Kultursenator für sie kämpft. Nach vielen Gesprächen hat schließlich der Bürgermeister eingegriffen. Das fand ich bemerkenswert. Am Ende wurden die Kürzungen reduziert. Das war durchaus ein Erfolg – auch wenn natürlich weiterhin gespart werden muss.
Es geht um eine grundsätzliche Frage: Warum sollte eine Stadt oder ein Staat, die massiv finanziell unter Druck stehen, überhaupt Geld für Kultur ausgeben?
Solche Gegenüberstellungen sind falsch. Man kann Kultur nicht gegen Krankenhäuser oder Kindergärten aufrechnen. Eine Stadt ohne Kultur ist keine lebendige Stadt. Kultur schafft Räume, in denen Menschen einander begegnen können. Sie ermöglicht den Austausch von Gedanken, Emotionen und Erfahrungen – gerade heute ist das wichtiger denn je. Sie ist also nicht nur ein Kostenfaktor, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor. Es gibt Berechnungen, nach denen sich jeder Euro, der in Kultur investiert wird, etwa dreieinhalbfach auszahlt.
Warum gelingt es im deutschsprachigen Raum so selten, diesen sozialen und wirtschaftlichen Nutzen der Kultur stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken?
Wir unterschätzen manchmal selbst, welches Potenzial etwa die Oper besitzt. Ich bin überzeugt: Oper kann grundsätzlich für jeden zugänglich sein. Mozart beispielsweise ist etwas, das jeder verstehen kann. Ein großes Problem ist allerdings, dass immer weniger in musikalische Bildung investiert wird. Deshalb müssen wir jungen Menschen Möglichkeiten geben, Oper selbst zu erleben – durch Mitmachprojekte, Chorsingen oder andere Formen aktiver Beteiligung. Wenn Kinder erleben, wie Oper entsteht, merken sie plötzlich, dass diese Werke von Liebe, Freundschaft, Angst oder Verlust erzählen – also von ihrem eigenen Leben.
Trotzdem haftet der Hochkultur ein elitärer Ruf an.
Natürlich brauchen wir höchste Qualität. Dafür arbeiten hervorragend ausgebildete Musikerinnen und Musiker sowie Sängerinnen und Sänger. Exzellenz ist wichtig. Aber Exzellenz bedeutet nicht, dass man sich von den Menschen abschottet. Unser Ziel muss sein, den Wert dieser Kultur für alle erlebbar zu machen. Natürlich verlangt eine Wagner-Oper dem Publikum etwas ab. Sie funktioniert nicht wie TikTok, wo man innerhalb weniger Sekunden einen Reiz bekommt. Aber das heißt nicht, dass Menschen ohne Vorwissen keinen Zugang finden können. Das Wesentliche an Kunst ist oft etwas sehr Einfaches. Es kommt von Herzen. Elitär wird Kunst erst dann, wenn man anderen vorschreibt, was ihnen gefallen muss oder wer dazugehören darf.
Es heißt oft, jede Krise sei auch eine Chance. Würden Sie das unterschreiben?
Ich weiß gar nicht, ob ich jede Krise als Chance bezeichnen würde. Aber mein Beruf gibt mir die Möglichkeit, Menschen gerade in Krisenzeiten durch Kunst etwas zu schenken. Wenn jemand in eine Vorstellung kommt und für einige Stunden in eine andere Welt eintauchen kann, dann vergisst er vielleicht für diesen Moment die Krise draußen. Solche Momente zu ermöglichen, ist letztlich der Grund, warum ich diesen Beruf ausübe.
Sie haben in Ihrer Laufbahn immer wieder mit Sparmaßnahmen zu tun gehabt. Erleben Sie die aktuelle Entwicklung dennoch als etwas Neues?
Ich habe schon viele Kürzungsdebatten erlebt. Trotzdem gewöhnt man sich nicht daran. Man kämpft immer wieder für das, wofür man brennt. Was mich überrascht hat, ist, dass diese Diskussion inzwischen auch Österreich erreicht hat. Dort hatte man lange das Gefühl, in einer Art Paradies zu leben. Dass dieses Selbstverständnis nun ebenfalls ins Wanken gerät, macht mir tatsächlich Sorgen.
Gleichen sich Österreich und Deutschland in dieser Entwicklung an?
In gewisser Weise schon. Allerdings glaube ich, dass die Situation in Deutschland schwieriger ist. Ich nehme hier eine große Unzufriedenheit wahr. Es fehlt häufig die Bereitschaft, sich die Argumente der anderen Seite überhaupt anzuhören. Dazu kommt, dass es immer weniger Politikerinnen und Politiker gibt, die selbst ein unmittelbares Interesse an Oper oder klassischer Musik haben. Das hängt letztlich auch mit Bildung zusammen. Die Kinder von heute sind die Politikerinnen und Politiker von morgen. Wenn kulturelle Bildung immer weniger stattfindet, hat das langfristige Folgen.
Ist es heute überhaupt noch möglich, ruhige Debatten zu führen?
Das ist im Moment ganz, ganz schwer. Eigentlich nahezu unmöglich.
Woher kommt dieser starke Selbstzweifel der sogenannten Industrieländer? Hier lebt man objektiv betrachtet und verglichen mit anderen Weltgegenden im Wohlstand.
Ich glaube, dahinter steckt eine Angst, die viele Menschen in sich tragen: Wird es mir morgen noch genauso gut gehen wie heute? Natürlich gibt es reale Krisen – den Krieg in der Ukraine, den Nahen Osten, den Klimawandel. Man findet beinahe jeden Tag ein Thema, an dem sich eine Apokalypse erzählen lässt. Und Sie wissen das als Journalist selbst: Schlechte Nachrichten verkaufen sich besonders gut. Früher hat man vielleicht einmal am Tag Nachrichten geschaut. Heute prüfen viele Menschen ständig ihre Nachrichtenkanäle. Dadurch wird vieles enorm aufgebauscht. Am nächsten Tag ist manches schon wieder vergessen – aber die schlechte Stimmung bleibt.
Sie leben in Berlin, einer Stadt im ehemaligen Osten. Spürt man da die Stimmung noch einmal anders?
In Berlin selbst nicht. Aber natürlich werden in Teilen Ostdeutschlands reale Ängste angesprochen und politisch genutzt. Mich beschäftigt gerade ein Bericht über die Vermögensverhältnisse zwischen Ost- und Westdeutschland sehr. Da wurde mir noch einmal bewusst, wie unterschiedlich die Ausgangslagen bis heute sind.
Was treibt Sie persönlich an?
Wenn ich eine großartige Aufführung erlebt habe, ein beeindruckendes Konzert gehört oder eine wunderbare Ausstellung gesehen habe, dann passiert etwas. Es bereichert einen innerlich. Man entdeckt Zusammenhänge, findet sich selbst in einer Figur wieder, erlebt Freude, Trauer oder Angst mit und erkennt etwas, das mit dem eigenen Leben zu tun hat. Kunst eröffnet uns eine zweite Welt. Sie hilft uns, die Realität besser einzuordnen. Man tankt Kraft, bekommt neue Energie, wird herausgefordert, getröstet oder überrascht. Dieser Reichtum spielt in meinem Leben eine so große Rolle, dass es eigentlich kein Zufall ist, dass ich ihn zu meinem Beruf gemacht habe.
Und im Grunde möchte man, dass alle dasselbe erleben können?
Das ist eine Bereicherung des Lebens, auf die ich niemals verzichten möchte. Und deshalb werde ich manchmal tatsächlich fast missionarisch. Ich möchte Menschen, die diese Erfahrung noch nie gemacht haben, sagen: Gebt uns eine Chance. Lasst euch darauf ein. Lasst uns zeigen, was Kunst mit euch machen kann.
Zur Person
Elisabeth Sobotka wurde 1965 in Wien geboren. Arbeitete nach dem Studium in der Wiener Staatsoper und in der Berliner Staatsoper.
2009-14 Intendantin der Grazer Oper.
2015-24 Leiterin der Bregenzer Festspiele
seit 2024 Intendantin der Berliner Staatsoper Unter den Linden