Seit Jahrzehnten werden die Bregenzer Festspiele mit einer Rede des Bundespräsidenten eröffnet. Alexander Van der Bellen widmete seine Ansprache am Mittwoch der „freien, liberalen Demokratie“. Sie habe Österreich „zu der Heimat gemacht, die wir so lieben“, sei aber auch „eine tägliche Übung“.

Die Bregenzer Festspiele, so der Bundespräsident, würden seit acht Jahrzehnten zeigen, „was möglich wird, wenn Menschen sich nicht mit dem einfach zu Erreichenden zufriedengeben“. Auch die Geschichte Österreichs könne man derart interpretieren, da es sich nach Katastrophen neu erfinden habe müssen. „Manchmal sehen wir die Errungenschaften, für die wir hart kämpfen mussten, als selbstverständlich an.“

Die „freie, liberale Demokratie“, der Van der Bellen am Bodensee das Wort redete, werde „stark, wenn wir uns nicht von jeder Empörung treiben lassen. Und sie wird schwach, wenn wir vergessen, dass auch der sogenannte politische Gegner ein Mensch ist“. Sie bedeute nicht, dass alle einer Meinung sein müssen. „Im Gegenteil. Freie, liberale Demokratie heißt, dass Unterschiede Platz haben, ohne dass daraus Verachtung wird. Dass Mehrheiten entscheiden, ohne Minderheiten zu demütigen. Dass Kompromisse nicht als Verrat gelten, sondern als Zeichen von Reife und Lösungsorientierung. Gerade das ist heute nicht immer gegeben.“

„Österreich ist kein Soloprojekt“

Im Kern gehe es um Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit, Menschenwürde, um Rechtsstaatlichkeit und Mitmenschlichkeit – „und Verantwortung“, so Van der Bellen. Das seien keine altmodischen Begriffe, sondern „tragende Fundamente unseres Hauses Österreich“, das laufend gepflegt werden müsse, „nicht nur von vom Parlament, der Regierung, den Gerichten“.

Jeder Einzelne müsse sich beteiligen. Österreich sei kein Soloprojekt. „Es ist ein Zusammenspiel. Ein Miteinander. Die freie, liberale Demokratie verlangt uns etwas ab. Die kostet uns mitunter etwas. Das ist ihre Stärke, nicht ihre Schwäche.“ Die liberale Demokratie verlange Geduld, „wo wir schnelle Antworten wollen“, sie verlange Respekt, „wo uns Zorn leichter fällt“. Und sie verlange Kompromisse, „wo wir lieber Recht behalten würden.“

Doch die freie, liberale Demokratie gebe auch etwas zurück: „Die Freiheit, unser Leben selbst zu gestalten“, sagte der Bundespräsident, der sich ein Österreich wünscht, „das auf unsere freie, liberale Demokratie nicht nur stolz ist, wenn sie bequem ist, sondern eines, das sie verteidigt, wenn es anstrengend wird“. Er wünsche sich auch ein Österreich, „das sich nicht kleinmacht und ein Österreich, das niemanden kleinmacht“ und ein Österreich, das sagt: „Wir müssen nicht alle gleich sein, um zusammenzugehören“. Dies sei auch seine wichtigste Botschaft, so Van der Bellen: „Wir gehören nicht erst dann zusammen, wenn wir alle gleich denken. Nein, wir gehören zusammen, weil wir alle Österreich sind.“