„Ich würde eine Abschaffung des Zölibats nicht gutheißen“
Dechant Erich Aichholzer wurde zum Monsignore ernannt. Im Sommergespräch redet er über Glaube, Tod, den Zölibat und seinen neuen Titel.
Herr Monsignore ...
ERICH AICHHOLZER: Bitte nicht „Herr“! Monsignore bedeutet ‚mein Herr‘. Da ist einmal Herr zu viel drin. Der Titel kommt zwar aus Rom, aber mein Herz schlägt in den Pfarren und im Dekanat. So gesehen ist es mir auch recht, wenn ich der Pfarrer Erich bleibe.
Was kann Monsignore Aichholzer, was Pfarrer Erich nicht konnte?
Ich bin durch diese Ernennung in die sogenannte päpstliche Familie aufgenommen worden. Ich bin auch Ehrenkaplan des Papstes, also des Nachfolgers des Petrus.
Gibt es ein jährliches Meeting aller Monsignori mit dem Papst?
(Lacht herzhaft). Ich werde ein Familientreffen vorschlagen. Aber Scherz beiseite. Ich muss erst für mich draufkommen, wie man in Rom damit umgeht, wenn dort ein Monsignore vor den Toren steht.
Haben Sie auf den Titel hingearbeitet?
Nein, überhaupt nicht. Es war sehr überraschend, da es unter Papst Franziskus kaum Ernennungen gab. Damit rechnet man auch nicht. Umso überraschender war es, als mich die Frau Sekretärin des Herrn Bischofs angerufen hat. Ich wurde zu einem Mittagessen mit Bischof Josef Marketz eingeladen und im Rahmen dessen wurde mir das Päpstliche Dekret überreicht.

Wann haben Sie zuletzt ernsthaft an Gott gezweifelt?
Gott existiert für mich. Vielleicht sollte die Frage sein: Wann habe ich zuletzt Gott geklagt? Dass ich Gott sage, dass ich ihn nicht verstehe und ihn bitte, mit mir den Weg zu gehen, da ich ihn gerade nicht verstehe. Das, ja. Für mich ist Gott real, oft gibt es nur die Frage, wo er gerade ist, wenn ich ihn brauche.
Denken wir an Hiob und seine schweren Aufgaben, die ihm aufgetragen wurden. Gab es auch in Ihrem Leben schwere Herausforderungen, bei denen Sie vor Glaubenskrisen gestellt wurden?
Es gibt schwere Situationen. Wenn ich Familien begleite und jemand im Sterben ist. Die Kinder, mit Blick auf eine sterbende Mutter oder Vater. Das sind schon Momente, wo ich selbst auch sehr gefordert bin. Aber ich bin auch da und öffne mich für den Trost, den Gott durch mich den Menschen spenden möchte.
Und was antwortet man, wenn das Kind einer sterbenden Mutter fragt, warum Gott sowas zulässt?
Es ist auch so, dass man manchmal sprachlos ist – dass man die Worte nicht findet und auch nicht finden muss. Das sind die schwierigsten Fragen, die einem auch gestellt werden können. Da gibt es oft auch keine Antwort. Oft ist es dann ein In-die-Arme-Nehmen des Kindes, mit den Worten „Gott liebt dich. Gott liebt deine Mama und sie ist jetzt ganz in seiner Liebe.“ Es ist schwierig.
Ist der Zölibat ein Geschenk oder Einsamkeit?
Zölibat ist zum einen wirklich ein Geschenk – ein starkes Zeichen der Ganzhingabe. Wenn man verheiratet ist, gibt man sich einem Menschen ganz hin. Und ich sehe den Zölibat genau so. Eine Ganzhingabe an Gott, aber auch an die Menschen, die einem anvertraut sind. Andererseits sehe ich es aber auch so, dass Tradition eine Diskussion beziehungsweise konstruktives Gespräch nicht verhindern darf. Man muss darüber nachdenken, welche Formen man auch in bestimmten Lebenssituationen, auch von Geistlichen, möglich machen kann. Ein Beispiel gibt es in der Griechisch-Orthodoxen Kirche, wo es durchaus möglich ist, vor der Diakonenweihe zu heiraten. Aber grundsätzlich würde ich eine Abschaffung des Zölibats nicht gutheißen.
Aber könnte man durch eine Abschaffung nicht mehr junge Priester gewinnen?
(Schüttelt den Kopf). Glaube ich nicht. Es ist, so glaube ich, weniger eine Zölibatsfrage, sondern eher eine Glaubenskrise. Nicht nur bei den jungen Menschen, es ist auch der Glaube in den Familien nicht mehr so stark präsent. Vielleicht spielt auch das Florianiprinzip hinein, dass man sagt: „Gott, schick uns Priester, aber nicht aus unserer Familie.“ Heutzutage sind die Priester hauptsächlich Spätberufene, ich gehöre auch dazu. Mit 27 habe ich in Horn in Niederösterreich maturiert, mit 33 wurde ich zum Priester geweiht.
Monsignore Erich Aichholzer
Aichholzer wurde am 22. Juni 1959 in St. Veit geboren, maturierte 1986 am Aufbaugymnasium in Horn und studierte bis 1993 Theologie in Salzburg. Nach seiner Priesterweihe 1993 in Klagenfurt wirkte Aichholzer bis 1996 als Kaplan in Obervellach. Anschließend war er von 1996 bis 2003 Provisor in Stall. Von 2003 bis 2012 war Aichholzer für die Pfarren St. Gertraud im Lavanttal und Prebl verantwortlich. Weiters war er von 2004 bis 2012 Dechant des Dekanats Wolfsberg. Seit 2012 ist Aichholzer Pfarrer in Ossiach und Provisor in Glanhofen und St. Nikolai bei Feldkirchen. Die Funktion des Dechants des Dekanates Feldkirchen hat er seit 2013 inne. 2026 wurde er von Papst Leo XIV. zum Monsignore ernannt.
Warum sollte man sich für den Beruf entscheiden?
Priester sein ist für mich kein Beruf. Es gibt den Priesterberuf nicht, sondern es gibt die Priesterberufung. Und wenn ich diese Berufung in mir spüre, dann ist sie so stark, wie die Liebe zu einem Menschen, der mir alles bedeutet. Diese Berufung zum Priester gibt mir sehr viel Freude.
Sie haben als Priester am Ossiacher See sicherlich einen schönen Arbeitsplatz.
Der See ist für mich ein starkes Symbol geworden, durch seine Weite und Tiefe. Oft werde ich von den Leuten gefragt, was meine Lieblingsstelle in der Bibel ist. Für mich ist der Psalm 23 genau das, was für mich zum Ausdruck bringt, was ich empfinde. Der Herr ist mein Hirte, wohin führt er mich? Auf grünen Auen und zum Ruheplatz am Wasser. Und das finde ich hier. Es ist so schön grün und die Leute kommen ans Wasser und versuchen, ihre Ruhe zu finden. Und da darf ich sein. Ich kann nur sagen: Danke Herr!
Sie scheinen glücklich zu sein. Welche Botschaft würden Sie dem jungen Erich gerne mitteilen?
Pass auf, dein jugendlicher Überschwang ist so wie der Palmsonntag in Jerusalem. Aber es gibt natürlich auch Zeiten des Karfreitags. Aber freu dich auf diesen Weg, Gott macht es sehr spannend für dich.
Also ging alles auf?
Ich bin geführt worden. Und Gott erfüllt auch geheime Wünsche. Früher dachte ich oft, dass es schön wäre, ein kleines Platzerl an einem See zu haben. Und als viele Jahre später der Bischof dann fragte, ob ich nach Ossiach kommen möchte, war es mehr als ein Geschenk. Was darf man sich mehr wünschen?
Wie kann man mehr Leute zur Kirche bringen?
Es geht nicht darum, Leute zur Kirche, sondern zum Glauben zu bringen. Im Glauben sollen die Leute Halt fürs Leben gewinnen und wenn ich im Glauben verankert bin, dann möchte ich ihn auch irgendwo leben. Und da dürfen besonders junge Leute draufkommen, dass es in einer Gemeinschaft wie der Kirche schön und vielseitig ist, den Glauben leben zu können. Wenn ich den Diamanten immer im Dunkeln halte, fängt er nie zu funkeln an. So ist es auch, was den Glauben und die Kirche betrifft.
Was würde Jesus sagen, wenn er heute die Welt sehen würde?
Er würde nichts anderes sagen als damals: Du sollst Gott lieben aus ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst.
Weg von den ernsten Themen. Erzählen Sie eine lustige Geschichte.
Da muss ich gar nicht lange überlegen. Wenn ich an meine Zeit als Kaplan in Obervellach denke, fällt mir sofort die Landjugend ein. Die Burschen und Mädels haben mir damals das Schuhplattln beigebracht. Das war eine sportliche Höchstleistung für mich, bei der wir Tränen gelacht haben. Vor allem beim „Watschnplattler“ – da ging natürlich nicht jeder Schlag dorthin, wo er sollte, was sowohl den Zuschauern als auch mir ein Riesenspaß war.
Was hört Monsignore Aichholzer bei längeren Autofahrten im Radio?
Radio Kärnten.
Letzte Frage: Wenn Sie eines Tages vor Gott stehen, wovor hätten Sie am meisten Angst?
Vor Gott braucht man keine Angst haben. Gott ist der, der das Unvollkommene vollkommen macht. Und da sehe ich die Barmherzigkeit Gottes auch. Freilich wird nicht alles in Ordnung gewesen sein, nein, aber Angst habe ich keine.
