Warum Maria Anna Mozart mehr war als nur die Schwester des großen Komponisten
Maria Anna Mozart findet zumeist Erwähnung im Zusammenhang mit Wolfgang Amadeus. Als Anhang sozusagen. Doch sie war mehr als nur Schwester. Zu ihrem 275. Geburtstag eine Hommage an die Klaviervirtuosin, Musikpädagogin, Mutter und dritte Ehefrau des Ururururgroßvaters.

„Ich freue mich von Herzen, dass du so lustig bist, du hast einen recht schönen, hellen Verstand“, schreibt Wolfgang Amadeus am 4. Juli 1770 in Rom an seine Schwester in der Salzburger Getreidegasse Nummer 9. Dieses Gebäude beherbergt heute eines der am meisten von Touristen besuchten Museen Österreichs. Das Hagenauer Haus mit seiner gelb gefärbelten Fassade stammt aus dem 15. Jahrhundert. Die Touristen scharen sich eines Bewohners wegen um das Haus, von dem große Lettern künden: Mozarts Geburtshaus. Im dritten Stock lebten der in Diensten des Erzbischofs stehende Violinist und Komponist Leopold Mozart und seine Frau Anna Maria in einer 130 Quadratmeter großen Wohnung, in der am 27. Jänner 1756 ihr Sohn Wolfgang Amadeus Mozart geboren wird. Fünf Jahre zuvor, in der Nacht vom 30. auf den 31. Juli 1751, war dort die Schwester zur Welt gekommen.

Mehr als eine Haushälterin
Für Maria Anna beginnt der Klavierunterricht im Alter von sieben Jahren, bei ihrem Bruder Wolfgang Amadeus mit vier. Vater Leopold drillt die Kinder zu Wunderkindern am Klavier, die auf Reisen durch Europa gezeigt werden, bis nach Paris und London führen. Man gastiert an fürstlichen Höfen, in Wien im Schloss Schönbrunn vor der Herrscherin Maria Theresia und ihrer Familie. Nach der Zeit als „Wunderkind“ bleibt Maria Anna zuhause, erteilt Klavierunterricht und konzertiert. Während der Bruder als Komponist glänzt.
„Maria Anna wird immer als Haushälterin ihres Vaters gesehen, die dann an einen älteren Witwer verheiratet wird. Doch man kann sie als großartige Musikerin sehen, sie hat sich auch selbst als Musikerin, als Pianistin verstanden“, erläutert Eva Neumayr, Salzburger Musikwissenschafterin und Obfrau der Maria-Anna-Mozart-Gesellschaft, die davon ausgeht, dass Leopold Mozart seine Tochter durchaus auch im Tonsatz ausbildete: „Es gibt Briefe, die darauf hinweisen, dass sie solche Übungen schrieb, hatte aber einen Bruder, dessen kompositorisches Talent sich explosiv entwickelte. Da dürfte sie sich entschieden haben, nicht in Konkurrenz zu treten.“
Man kann sie als großartige Musikerin sehen, sie hat sich auch selbst als Musikerin, als Pianistin verstanden.
— Eva Neumayr, Salzburger Musikwissenschafterin
Eine schwierige Ehe?
1784 heiratet sie den 15 Jahre älteren Johann Baptist von Berchtold zu Sonnenburg, erzbischöflicher Pfleger zu St. Gilgen. Ein Witwer, der fünf Kinder aus zwei vorangegangenen Ehen mitbringt. Einige Jahre später wird er in den Stand eines Reichsfreiherrn erhoben. Er ist mein Ururururgroßvater, seine älteste Tochter (auch) Maria Anna die Vorfahrin mütterlicherseits. Dieser versucht nun die fürsorgende Stiefmutter das Klavierspiel beizubringen, wobei der Erfolg nicht mehr ergründbar ist, während Manieren und sonstige Bildung der Stiefkinder als eher bescheiden gelten. Von den Kindern Maria Annas und ihres Gemahls erreicht nur der 1785 geborene Leopold das Erwachsenenalter.
Die Ehe der Sonnenburgs wird als schwierig beschrieben, er, desinteressiert an Musik, verstehe seine Frau nicht. Die Wissenschaftlerin Neumayr sieht das anders: „Ich habe Sonnenburgs Testament gelesen, da wirkt er sehr sympathisch. Es gibt Hinweise, dass sich die beiden gut verstanden haben. Man muss sie nicht bemitleiden wegen ihres älteren Mannes – sie hatte Dienstboten, konnte jeden Tag im Haus in St. Gilgen drei Stunden Klavier üben. Die Alternative wäre gewesen, ohne Versorgung zu sein, in einem adeligen Haus arbeiten zu müssen.“ Dass der seine Kinder bestimmende Leopold Mozart zuvor eine Heirat mit ihrer Jugendliebe Franz Armand d‘Ippold untersagte, verweist Neumayr als Unsinn: „Der d‘Ippold war fünf Jahre älter als Sonnenburg, er besuchte nach Maria Annas Hochzeit noch immer jeden Tag den Leopold Mozart.“
Was wäre ohne ihren Bruder passiert?
Nach 17 Jahren Ehe stirbt ihr Mann, Maria Anna kehrt nach Salzburg zurück, unterrichtet wieder. Neumayr: „Nicht wegen des Geldes, ihr Mann versorgte sie finanziell sehr gut. Und sie tritt wieder als Konzertpianistin auf.“ Die Gebrechlichkeit nimmt zu, bis zur Blindheit. Maria Anna stirbt 78-jährig am 29. Oktober 1829 und wird, ihrem Wunsch gemäß, auf dem St. Peter-Friedhof in einer Gemeingruft bestattet.
Wäre Maria Anna von Sonnenburg, geborene Mozart, eine größere Karriere beschieden gewesen, hätte es nicht ihren Bruder gegeben? Das beantwortet die Obfrau der „Maria-Anna-Mozart-Gesellschaft“ so: „Nein, sie war kein Opfer. Sie führte ein sehr erfolgreiches Leben, war eine sehr erfolgreiche Pianistin und Pädagogin.“ Freilich, noch immer wird sie als „das Nannerl“ gehätschelt, geschlechtsneutral, wie eine Sache, oder als ob sie immer ein süßes Kind geblieben wäre.
Leopold, der Sohn, wird Beamter, Tochter Henriette ehelicht einen Militärbeamten namens Forschter. Nach dessen Pensionierung übersiedelt die Familie mit ihrem Sprössling Bertha in die Steiermark. Henriette und Bertha kommen wegen schwerer psychischer Probleme in die Heilanstalt „Feldhof“, wo sie auch sterben. Das Grab von Maria Annas Nachkommen, den letzten Blutsverwandten der Mozarts, befindet sich auf dem Grazer Zentralfriedhof. Die geistige Beeinträchtigung der beiden Frauen soll nicht aus der Familie Mozart oder Sonnenburg kommen, sondern von den Forschters. Bis jetzt stellte sich nichts anderes heraus.

