In der Ruhe liegt die Kraft, in der Geduld die Reichweite
Honda bringt das E-Motorrad WN7: Die Ausführung ist genauso interessant wie riskant – das Thema E-Motorrad spaltet die Fangemeinde noch stärker als beim Auto.

Liebe Leute, es ist Honda, mit aller Ernsthaftigkeit, der größte Motorradhersteller der Welt, und das heikle Thema heißt E-Mobilität. Man muss sich dem Ganzen so vorsichtig nähern, weil die skeptischen Reflexe dem E-Motor schneller den Saft abdrehen, als ein Verbrenner loslegen kann.
Also, E-Mobilität bei den Zweirädern. Beim herkömmlichen Rad ist die Story durch, bei den Rollern ist‘s eine mühsame Geburt, aber bei den Motorrädern war‘s bisher eine Fehlzündung. Einzige Ausnahme: Gelände-Motorräder (Motocross, Enduro), beginnend beim Missing-Link zwischen E-Mountainbike und E-Motorrad.
Bei den herkömmlichen Motorrädern sieht man zwar erste Anbieter, es bleibt trotzdem ein Randthema. Peter Schönlaub, Chefredakteur des Motorrad-Magazins und bester Kenner der Motorrad-Szene sagt: „Den großen Durchbruch stellt das nicht dar. Ganz einfach, weil die Nachteile, die die E-Mobilität bei den Autos mit sichgebracht hat, bei den Motorrädern noch viel stärker durchschlägt. Es geht um die Themen Bauraum und Gewicht bei den Batterien und letztlich auch um die Infrastruktur, die Motorradstrecken abseits der großen Transitrouten sind nicht mit Schnellladern vollgepackt.“
Das Ganze hat dazu geführt, dass zum Beispiel BMW seine E-Motorrad-Pläne verschoben hat, auch andere zögern noch.

Bei Honda war das keine Option, zu groß hat man geplant (30 neue E-Modelle bis 2030, inklusive Roller), auch wenn man bis heute Ladezeiten von einer halben Stunde von 20 bis 80 Batterie-Prozent für rund 100 Kilometer bei der WN7 nicht wegzaubern kann – sie sind Realität.
Zuerst eine kurze Einordnung: Die WN7 ist eine Art Naked Bike, ungefähr in der 700er-Verbrenner-Liga angesiedelt. Schaut fesch aus, weil so unglaublich schlank, trotz der 217 Kilogramm Lebendgewicht.
Was die Ingenieure in der schlauen Kiste für die WN7 fanden
Möglich macht das die Bauweise. Die Honda Ingenieure haben statt zum herkömmlichen Rahmen in die schlaue Kiste gegriffen: Der Akkublock wird zum Konzeptträger und verbindet sozusagen Vorder- und Hinterteil, die Kraft wird über einen Riemenantrieb auf das Hinterrad übertragen, das Konzept schaut elegant und formvollendet aus, samt Einarmschwinge. Das Besondere: Trotz der massiven Batterieeinheit sieht man der WN7 das Gewicht nicht an. Richtig schmal ist sie.
Die Batterie liegt bei knapp 9,3 kWh, das reicht im Idealfall für bis zu 130, 140 Kilometer. Auf den Fahrstil reagiert sie sensibler als unsereins auf den argentinischen Spielstil bei der Weltmeisterschaft. Wir würden sagen: Hypersensibel.
Wir starteten beim Test zum Beispiel bei 109 Kilometern, waren so brav, dass nach einigen Kilometern schon 129 Kilometer auf der Habenseite auf dem Display bereit standen, die dann aber fröhlich dahinschmolzen. Real sind um die 100 Kilometer drin, wenn man es flotter anlegt, nähert man sich dem 80er an, der wassergekühlte E-Motor arbeitet dabei so leise, dass man dankenswerterweise nichts von den sphärischen Klängen der E-Mobilität mitbekommt.
Honda WN7: Völlig neues Fahrerlebnis
Was wirklich beeindruckt ist das Handling: Man sitzt perfekt (Sitzhöhe 800 mm) und die 217 Kilogramm spürt man im Normalbetrieb überhaupt nicht, selbst bei forscherer Gangart kommen keine Bedenken auf.
Einlenken, Wendigkeit, alles fühlt sich einfach gut an. Und das System ist ausgeklügelt: Die Fahrmodi sind mit Rekuperationsstufen zusammengespannt, man kann auch selbst wechseln – das ist aber keine selbstverliebte Wissenschaft, sondern von einer inneren Logik getragen, es bereitet einfach Spaß. Auch die Beschleunigung passt sich den Fahrmodi an und je flotter man loslegt, desto stärker überwacht die schräglagenabhängige Traktionskontrolle. 18 kW sind die Basis, 50 kW die Spitzenleistung. Und 100 Newtonmeter Drehmoment garniert die Leistungs-Galerie.
In ihrem Selbstverständnis, in ihrer Beherrschbarkeit liegt auch die größte Überzeugungskraft, nämlich dass die E-Mobilität auch den Motorrädern neue Perspektiven schenken kann, die man sich anschauen sollte, wenn das Fahrprofil dafür passt. Leider gibt‘s eine neue Perspektive auch auf den Preis: 14.990 Euro sind prickelnd, nicht elektrisierend.


