Das eine oder andere Wachstumsprojekt – in Brasilien oder Kroatien beispielsweise – hat Wietersdorfer zuletzt hintangestellt. In Deutschland und Polen hat das Kärntner Familienunternehmen sogar Werke geschlossen und 130 Mitarbeiter freigesetzt. „Wenn man aus der Südtürkei günstiger nach Hamburg liefern kann als aus Deutschland selbst, muss man die Konsequenzen ziehen“, sagt Vorstandschef Michael Junghans.
Gut neun Millionen Euro haben Wietersdorfer im Vorjahr allein die Trumpschen Zölle gekostet. Der Umsatz in den USA ging um fast acht Prozent zurück, obwohl mehr verkauft wurde: Die Verkaufspreise waren so schlecht.
Generell hat die gedämpfte Weltkonjunktur das mit 121 Standorten in 29 Ländern und Vertrieb in 76 Ländern global aufgestellte, im Jahr 1893 gegründete Industrieunternehmen 2025 strapaziert, aber nicht überwältigt. Der Umsatz sank um 1,3 Prozent auf 1,09 Milliarden Euro. Junghans pragmatisch: „Wir haben uns den Handelsbarrieren und dem Preisauftrieb nicht entziehen können. Wir müssen uns immer ein Stück weit neu erfinden.“
Drei Viertel des Umsatzes in Europa
Drei Viertel seines Umsatzes macht Wietersdorfer, dessen Geschäft im Wesentlichen auf Zement und Rohrsystemen fußt, in Europa, ging zuletzt aber große Internationalisierungsschritte. Seit 1987 ist man in Nordamerika, seit 2020 in Afrika, seit 2023 in Lateinamerika, seit 2024 in Australien. 2025 standen für den Arbeitgeber von 3800 Mitarbeitern Konsolidierung und Kostendisziplin auf dem Programm. Dennoch wurden weltweit mehr als 105 Millionen Euro in Erweiterungen und Standort-Effizienz gesteckt – davon fast 21 Millionen in Österreich. In Wietersdorf im Kärntner Görtschitztal werden aktuell drei Millionen Euro in die Optimierung der Silokapazität gesteckt, um Zement mit einem geringeren Klinkeranteil zu produzieren und damit weniger CO2 auszustoßen. In Slowenien investiert Wietersdorfer einen zweistelligen Millionenbetrag. Mit 60 Prozent hat sich Wietersdorfer am Silizium-, Quarz- und Keramikverarbeiter Sico mit Hauptsitz in Bad Bleiberg beteiligt, „um unsere Kenntnisse in Sachen Halbleiterindustrie zu vertiefen“, so Junghans vielsagend.
Infrastrukturprojekte laufen gut
Die schwache Nachfrage am Bau kompensiert Wietersdorfer mit Infrastrukturaufträgen, wie etwa Bewässerungsprojekten. Gerade wird im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Norte ein Trinkwasserversorgungssystem gebaut. In Marokko hat die Regierung gerade den Bau von 13 Entsalzungsanlagen für die Trinkwassergewinnung beschlossen – auch hier rechnet sich Wietersdorfer gute Auftragschancen aus. In Brunsbüttel in Deutschland realisiert das Unternehmen einen Flüssiggas-Terminal. Auch die neue Bobbahn in Cortina d'Ampezzo für die Winterspiele 2026 hat Wietersdorfer errichtet. Das Geschäft mit Wirtschaftsbauten läuft gut, allen voran mit Rechenzentren, auch, weil diese beachtliche Kühlleitungen benötigen, berichtet Finanzvorstand Hannes Gailer.
„Es gibt Ideen für Wachstum“
In das Jahr 2026 ist Wietersdorfer laut eigener Auskunft sehr gut gestartet. Kostentreiber bleiben die geopolitischen Spannungen, die die Energiepreise und die rohölbasierten Vorprodukte verteuern. Junghans: „Selbst Friedensverträge würden keine simultane Erholung bringen, weil sich die Logistikkosten zeitverzögert auswirken. Aber wir haben jedenfalls Ideen für Wachstum.“