Zu Recht pflegen die Bewohner der Balkanstaaten über ihr oft mangelhaftes Gesundheitssystem zu klagen. Umso überraschender ist in Serbien die hohe und sich stetig weiter vermehrende Zahl von über Hundertjährigen, die sich – scheinbar – quicklebendig in Wahlregistern und Krankenkassenstatistiken tummeln.

Eigentlich keine besonders gute Lebenserwartung

Das Klagen zählt auch auf dem angeblich lebensfrohen Balkan zum festen Bestandteil des Alltags. Ob korrupte Regenten oder Staatsdiener, ob der Emigrationsaderlass der Jugend, ob fehlende Jobs und Perspektiven oder endlose Wartezeiten für Genehmigungen, Operationen und Gerichtsurteile: Zum Hadern und Jammern haben die Bewohner im ausgezehrten EU-Wartesaal auf dem Westbalkan tatsächlich oft berechtigten und guten Grund.

Doch gelegentlich wartet beispielsweise in Serbien selbst die sonst so kritische Opposition mit – auf den ersten Blick – erfreulichen Nachrichten auf. So überraschte der Oppositionsabgeordnete Slobodan Petrovic (SRCE) im Mai die Öffentlichkeit mit der scheinbar frohen Kunde, dass laut den Statistiken des staatlichen Krankenversicherungsfonds (RFZO) insgesamt unglaubliche 41.306 von offiziell 6,8 Millionen Versicherten über 100 Jahre alt seien.

In dem Land, das mit über 40 Prozent einer der höchsten Raucherquoten der Welt aufweist und in dem nicht nur die Ärztedichte, sondern auch die Lebenserwartung mit 76,8 Jahren gut fünf Jahre unter dem EU-Mittel liegt, sorgt nicht nur die hohe Zahl der Überhundertjährigen in den RFZO-Statistiken für Verwunderung, sondern auch deren nahezu biblisches Alter. So soll in Novi Sad ein Versicherter 135 Jahre alt sein, ein weiterer in Smederevo 144 Jahre auf dem hochbetagten Buckel haben und der Rekordmethusalem im Belgrader Stadtteil Palilula nicht weniger als 158 Lenze zählen.

Das Ableben oder der Umzug ihrer Schutzbefohlenen bleibt in Serbiens Amtsstuben oft unbemerkt: Die ausbleibende Aktualisierung von Daten gilt auch in den Einwohnermeldeämtern als ebenso üblicher wie misslicher Brauch. Trotzdem weist Serbiens Verwaltungsministerin Snežana Paunović energisch anhaltende Oppositionsvermutungen zurück, wonach zur Erleichterung von Manipulationen möglicherweise auch die Wählerregister mit zehntausenden von toten Seelen aufgepumpt oder nicht bereinigt worden seien: Diese zählten „nur“ 1149 überhundertjährige Wahlberechtigte, versucht die Würdenträgerin zu beruhigen.

Rätselraten auch über 6,5 Millionen Wahlberechtigte

Doch nicht nur die stolze Zahl von 6,5 Millionen Wahlberechtigten steht im merkwürdigen Kontrast zu den Ergebnissen der letzten Volkszählung im Jahr 2022.. Denen zufolge zählte Serbiens schrumpfende Bevölkerung nämlich bereits damals nur noch 5,1 Millionen volljährige Landeskinder. Auch die vor vier Jahren von den Volkszählern erfasste Zahl von 194 Überhundertjährigen steht im auffälligen Widerspruch zu den von der Ministerin verbreiteten Wählerdaten. Die Zahl der Hundertjährigen habe sich laut der Ministerin in den vier Jahren seit der Volkszählung um 1149 oder rund das Sechsfache vermehrt, rechnet die Zeitung „Danas“ vor – und schreibt argwöhnisch von „Zweifeln“.

Egal, ob bei Serbiens statistischen Ungereimtheiten Fehler, Versäumnisse oder Absicht mitspielen: Der „Raum für Manipulationen ist groß“, warnt Oppositionspolitiker Petrovic.