Rollator-Rock? Rentner-Blues? Ein letztes Aufbäumen der Dinos? Das Unken darf eingestellt werden, denn weniger als drei Jahre nach ihrem letzten Album „Hackney Diamonds“ – das von Kritik und Publikum äußerst wohlwollend aufgenommen wurde – veröffentlichen die Rolling Stones mit „Foreign Tongues“ wieder ein neues Album, das überraschend frisch, knackig und so überhaupt nicht gestrig klingt.
„Foreign Tongues“ entstand während einer außergewöhnlich kreativen Schaffensphase und wurde innerhalb von weniger als einem Monat in den Metropolis Studios im Westen Londons aufgenommen. Mick Jagger, Keith Richards und Ronnie Wood arbeiteten dabei erneut mit dem Grammy-prämierten Produzenten Andrew Watt zusammen, der bereits Hackney Diamonds produzierte. Mit von der Partie sind wieder langjährige musikalische Weggefährten wie Darryl Jones, Matt Clifford und Steve Jordan. Darüber hinaus gibt es einen besonderen Gastauftritt von Charlie Watts, der während einer seiner letzten Aufnahme-Sessions vor seinem Tod im Jahr 2021 aufgezeichnet wurde. Auch die Liste der Gastauftritte kann sich sehen lassen, darunter Paul McCartney – der selbst vor kurzem ein beeindruckendes Alterswerk abgeliefert hat –, Steve Winwood, Robert Smith von The Cure und Chad Smith von den Red Hot Chili Peppers.
Ein Name-Dropping hat dieses Album aber gar nicht nötig, es spricht für sich. Und es beginnt mit einem Song, der eindrucksvoll beweist, wie agil, druckvoll und spielfreudig die Herren Jagger, 82, Richards, 82, und Wood, 79, noch immer sind. „Rough and Twisted“ ist ein rauer, räudiger Blues-Rock-Hadern, der direkt in den Sümpfen des Mississippi-Deltas wurzelt, und es kommt nicht von ungefähr, dass im Text der Name Muddy Waters fällt. Irgendwie schließt sich hier ein Kreis: 1961 begegneten Mick Jagger und Keith Richards einander zufällig am Bahnhof ihrer Heimatstadt Dartford. Jagger hatte Platten von Muddy Waters und Chuck Berry unterm Arm, Richards war beeindruckt. Ein Jahr später wurden die Rolling Stones gegründet, der Rest ist Musikgeschichte.
Zurück zu „Foreign Tongues“, wobei der Albumtitel irreführend ist, denn mit „fremden Zungen“ sprechen die Stones hier nicht. Der musikalische „Zungenschlag“ der Band hat sich seit 60 Jahren im Grunde nicht wesentlich verändert, und große Überraschungen bleiben auch auf dem neuen Werk aus. Die Stärke des Albums liegt in den fast durchwegs starken Songs. Die Single-Auskoppelung „In the Stars“ ist ein typischer Stones-Stampfer, das soulige „Jealous Lover“ erinnert an „Fool to cry“ vom „Black and Blue“-Album (1976), „Ringing Hallow“ ist eine wunderbar entspannte Country-Perle, die „White Horses“-Potenzial hat. Nur in der Mitte schwächelt das Album ein wenig; vor allem dann, wenn es stilmäßig zurück in die wenig glorreichen 80er-Jahre der Band geht.
Eine Überraschung gibt es dann doch. Mit „You know I’m no good“ liefern die Rolling Stones eine hinreißende Cover-Version und verbeugen sich damit vor der 2011 verstorbenen Amy Winehouse. Mit einem ebenfalls ganz besonderen Cover-Song endet auch das Album, und erneut wird damit eine Brücke zu den Anfängen der Gruppe geschlagen. Den Song „Beautiful Delilah“ von Chuck Berry haben die Stones bereits 1964 einmal aufgenommen, im Jahr 2026 hat er eine großartige Schräglage und herrliche Ruppigkeit. Der Song ist der würdige Abschluss eines Albums, das man nicht Alterswerk nennen darf, dafür klingt es viel zu jung. Satisfaction, noch immer!