Mit einem dringenden Appell zum Schutz von Migranten hat Papst Leo XIV. am Freitag seine Spanienreise beendet. „Ein menschliches Gewissen – und erst recht ein christliches Gewissen – kann angesichts der Opfer von Schiffsunglücken und mangelnder Hilfe, angesichts dieser Meeresfriedhöfe nicht gleichgültig bleiben", sagte er am Freitag auf Teneriffa. „Jedes Leben, das auf diesen Routen verloren geht, ist ein Versagen der Menschheitsfamilie.“

Robert Francis Prevost ist 70 Jahre alt. Angesichts dieses für Päpste jungen Alters werden wahrscheinlich noch zahlreiche Apostolische Reisen folgen. Der Spanienbesuch dürfte aber in besonderer Erinnerung bleiben. Leo XIV. hat hier eine klare Richtung für sein bislang 13 Monate dauerndes Pontifikat vorgegeben und eine deutliche politische Botschaft gesendet.

Offizieller Höhepunkt der Reise war die Einweihung des Jesus-Christus-Turms der Sagrada Família in Barcelona am 100. Todestag ihres Architekten Antoni Gaudí mit spektakulärem Feuerwerk und einer Lichtshow. Der Besuch der Kanarischen Inseln am Donnerstag und Freitag hingegen war der tiefere Anlass der Reise. Leo XIV. setzte hier den Kurs seines Vorgängers Franziskus fort, machte nachdrücklich auf das Schicksal der Migranten aufmerksam und sprach der europäischen Politik ins Gewissen.

„Pflichten gegenüber den Ankommenden“

Beim Besuch eines Aufnahmezentrums für Migranten auf Teneriffa am Freitag erinnerte Leo XIV. daran, dass jede aufnehmende Gesellschaft „Pflichten gegenüber den Ankommenden“ habe. „Hier sind Menschen, die aus dem Meer gerettet wurden, und Leichen, die aus den Wassern geborgen wurden. Deshalb kann der Nachfolger Petri diese Docks nicht ignorieren", sagte Leo am Donnerstag auf Gran Canaria. „Die Kirche darf weder vor diesen Gewässern noch vor irgendeinem Ort die Augen verschließen, wo Hunger, Durst, Gewalt, Angst oder Exil die Menschenwürde weiterhin verletzen.“

Bei dem Versuch der Überfahrt aus westafrikanischen Ländern wie Senegal und Mauretanien kamen seit 2020 rund 19.000 Menschen ums Leben. Allein 2025 wurden 1.906 Opfer gezählt. Die Route auf die Kanarischen Inseln, die zu Spanien gehören und näher an Afrika als an Europa liegen, gilt als gefährlichste Fluchtroute in die EU. Am Freitag trat auch der neue EU-Migrationspakt in Kraft, mit dem fortan Abschiebungen erleichtert, Asylgesuche erschwert sowie Migranten länger festgehalten werden können. Leos Besuch auf Gran Canaria und Teneriffa ist als Appell an das Gewissen Europas zu verstehen.

Die Tragödie der Migration müsse ein „Moment der Besinnung“ sein für Herkunfts- und Transitländer. Diese seien aufgerufen, „die Schwachen zu schützen und sie nicht kriminellen Netzwerken auszuliefern“. Europa dürfe nicht „die Menschenwürde verkünden und sich gleichzeitig daran gewöhnen, dass das Mittelmeer und der Atlantik zu Friedhöfen ohne Grabsteine werden“. In Teneriffa rief der Papst Mafia-Organisationen und Menschenhändlern zu: „Hört auf! Kehrt um!“

In den Fußstapfen von Franziskus

Der Papst hatte auf Gran Canaria die sogenannte „Mole der Schande“ besucht. Während der Corona-Pandemie 2020 wurden hier 3.000 Migranten tagelang unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten. „Liebe Migranten, als Erstes möchte ich mich vor eurer Würde verneigen", sagte der Papst. Leo warf an der Mole einen Blumenkranz zum Gedenken an die Opfer ins Wasser.

Eine identische Geste hatte sein Vorgänger Franziskus bei seiner ersten Reise als Papst im Juli 2013 auf die Mittelmeerinsel Lampedusa vollzogen. Franziskus (2013–2025) hatte später mehrfach den Wunsch geäußert, die Kanarischen Inseln zu besuchen. „Es ist zum Weinen", hatte Franziskus Ende 2024 über die Situation dort gesagt und noch drei Monate vor seinem Tod im April 2025 den Wunsch geäußert, die Kanarischen Inseln zu besuchen. Aus gesundheitlichen Gründen kam es nicht mehr dazu. Leo XIV. erfüllte nun stellvertretend den Wunsch seines Vorgängers.

Abgrenzung von Europas Rechtsparteien

Mit seinem Besuch hat der Papst aus den USA den Schutz und die Achtung von Migrantenrechten endgültig zu einem Kernanliegen seines Pontifikats gemacht. Leos Stellungnahmen können als Kritik an der Politik ultrarechter Parteien wie Vox in Spanien, Fratelli d’Italia oder der AfD in Deutschland verstanden werden, die für besonders harte Regeln gegen Migranten eintreten. Dagegen widersetzt sich Spaniens sozialistisch geführte Regierung diesem Trend. Anfang des Jahres startete die Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez eine Regularisierungskampagne für 500.000 Menschen ohne gültige Aufenthaltspapiere.

Im Unterschied zu Franziskus legte Leo bei seinem einwöchigen Besuch aber auch viel Wert auf Verständigung, Harmonie und Protokoll. So begann er seine Spanienreise mit einer Begegnung mit der königlichen Familie, besuchte die Hauptstadt Madrid und sprach in Katalonien auf politischen Druck hin Katalanisch. Franziskus hatte während seines Pontifikats einen Bogen um große europäische Länder gemacht. Mit den spanischen Bischöfen lag er wegen deren teilweise ultrakonservativer Haltung im Clinch.

Am 4. Juli wird der Papst auf die Mittelmeerinsel Lampedusa reisen. Dass es sich dabei um den amerikanischen Unabhängigkeitstag handelt, wird von Beobachtern als Geste gegen die harte Migrationspolitik der Regierung von US-Präsident Donald Trump gewertet. In seinem ersten Amtsjahr hat Leo XIV. dessen Antimigrationspolitik deutlich kritisiert.