Die neuen iranischen Raketenangriffe auf Israel zeigen, wie viel sich in den vergangenen zwei Monaten im strategischen Denken der Teheraner Führung verändert hat. Unter dem früheren Regimechef Ali Khamenei handelte der Iran vorsichtig und schickte erst dann seine Raketen los, wenn er angegriffen wurde. Jetzt ist es anders. Erst warnte die iranische Regierung die USA und Israel, dass eine Fortsetzung der israelischen Offensive im Libanon schwerwiegende Folgen haben würde. Als die israelische Armee trotzdem weiter im Libanon angriff, feuerte das iranische Regime auf Ziele in Israel, ohne noch länger abzuwarten.

Zum ersten Mal seit Beginn der Waffenruhe im Iran-Krieg vor zwei Monaten musste Israel am Sonntagabend wieder iranische Raketen abwehren. Nach einem israelischen Gegenschlag in der Nacht zum Montag folgten weitere iranische Angriffswellen. Die Revolutionsgarde drohte, den Beschuss auf Öl- und Gaseinrichtungen in Israel und am Golf auszuweiten, im Laufe des Montags erklärten die Streitkräfte die Angriffe jedoch als vorerst beendet.

Der Iran zeige damit, dass er genug „strategisches Selbstvertrauen“ besitze, um seinen Gegnern seine Regeln aufzuzwingen, kommentierte der israelische Iran-Experte Raz Zimmt auf X. Das sei die „zentrale Botschaft“ der iranischen Raketen.

Die Forderungen Teherans

Dass der Iran diese Botschaft wegen des Konflikts im Libanon an USA und Israel schickte, war aus Sicht der Teheraner Politiker und Militärs eine unausweichliche Folge der Entwicklung der vergangenen Tage. Die iranische Führung verlangte in den Friedensverhandlungen mit den USA, auch Israels Krieg gegen die pro-iranische Hisbollah im Libanon müsse enden.

Als Israel trotz einer erneuerten Waffenruhe im Libanon die Positionen der Hisbollah in den südlichen Vororten von Beirut unter Beschuss nahm, griff der Iran mit seinen Raketen an. Auch die pro-iranischen Huthi-Rebellen im Jemen beteiligten sich an den Angriffen.

Der iranische Raketenbeschuss bedeutet nicht, dass der Iran den Krieg neu beginnen will. Die iranischen Angriffe seien begrenzt geblieben und hätten niemanden in Israel getötet, erklärte der Iran-Experte Hamidreza Azizi von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Die Führung in Teheran achte darauf, mit den neuen Angriffen die USA nicht zu provozieren.

Netanjahu als Drahtzieher

Der Iran will vor allem erreichen, dass US-Präsident Donald Trump mehr Druck auf den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu ausübt. Iranische Politiker wie Außenminister Abbas Araghchi sehen Netanjahu als Drahtzieher des amerikanisch-israelischen Angriffskrieges gegen den Iran. Netanjahu habe Trump in den Krieg getrieben, sagt Araghchci. Nun fordert der Iran, Trump müsse Netanjahu im Libanon zurückpfeifen, um die amerikanisch-iranischen Friedensverhandlungen zu retten.

Teheran geht davon aus, dass Trump den Krieg gegen den Iran nicht wieder aufnehmen will. Die meisten US-Wähler sehen keinen Sinn in dem Konflikt gegen die Islamische Republik und klagen über steigende Benzin- und Verbraucherpreise. Der Präsident hat mehrmals versichert, die Verhandlungen mit dem Iran stünden kurz vor dem Abschluss. Er braucht vor den Kongresswahlen im Herbst einen politischen Erfolg.

Trumps erste Reaktionen auf die iranisch-israelische Eskalation legen nahe, dass der Iran mit seiner Einschätzung des US-Präsidenten richtig liegt. Netanjahu werde eine Einigung zwischen den USA und dem Iran akzeptieren müssen, sagte Trump der „Financial Times“. Israels Premier habe keine andere Wahl: „Ich entscheide, nicht er.“

Die USA können Israel unter Druck setzen, etwa durch die Verweigerung von Geheimdienstinformationen. Zudem ist Israel von US-Waffenlieferungen abhängig. Bisher hat der US-Präsident aber nicht erkennen lassen, dass er diese Hebel ansetzen will. Laut einem Insider erklärte sich Israels Premier gegenüber Trump aber bereit, die Angriffe auf den Iran vorerst einzustellen.