Sg. Herausgeber!
Noch vor wenigen Jahren galt die Tageszeitung als unverzichtbarer Teil des öffentlichen Lebens. Heute stellt sich die Frage, ob sie mehr ist als ein vertrautes Ritual aus einer anderen Medienepoche. Wofür braucht man künftig noch eine Tageszeitung? Für Meldungen, die man am Vorabend bereits online gelesen hat? Für Kommentare, deren Haltung man schon nach der Überschrift erahnt? Für Agenturtexte, die inzwischen jede brauchbare KI in Sekunden zusammenfasst, sprachlich oft eleganter? Die eigentliche Krise der Zeitung begann nicht mit KI. Sie begann dort, wo viele Medien aufhörten, unbequem, überraschend und geistig eigenständig zu sein. Man bekam weniger Erkenntnis und mehr Wiederholung. KI ist nicht der Totengräber der Zeitung. Sie hält ihr nur den Spiegel vor. Besonders schade ist das deshalb, weil Zeitungen einmal kulturelle Orte waren: Orte der Debatte, der Sprache und der Haltung. Genau das droht verloren zu gehen.
Hans-Martin Praprotnik, St. Kanzian