Die letzten 17 Grand-Slam-Titel haben sich die Herrschaften Carlos Alcaraz (7), Jannik Sinner (4), Novak Djokovic (4) und Rafael Nadal (2) untereinander ausgemacht. Davor, nämlich bei den US Open 2021, jubelte Daniil Medwedew über seinen ersten und bis dato einzigen Major-Coup. Und im Jahr zuvor hatte sich Dominic Thiem beim Covid-19-Turnier in Flushing Meadows seinen Lebenstraum erfüllt. Hatte der Lichtenwörther damals die Alpenrepublik in einer Tennis-Euphorie versetzt (und zugleich die letzte Trophäe seiner ab diesem Zeitpunkt absteigendenden Karriere gefeiert), war es für Finalgegner Alex Zverev der Beginn eines Fluchs, den er bis heute noch nicht ablegen konnte.
6:2 und 6:4 lag der Deutsche damals gegen seinen österreichischen Freund bereits voran und sah schon wie der sichere Sieger aus. Doch Thiem konnte das Blatt noch wenden und sich im Tiebreak des fünften Satzes mit 8:6 durchsetzen. So nah an einer Grand-Slam-Trophäe war Zverev seitdem nie wieder dran. Zwar erreichte der gebürtige Hamburger noch zwei weitere Endspiele (Paris 2024 und Melbourne 2025), doch zog er dort jeweils den Kürzeren.
Heute weiß man, dass Thiem und Medwedew zwei der ganz wenigen Stunden der Gunst nützten. Hatten sich über ein Jahrzehnt lang Djokovic, Nadal und Roger Federer beim Grand-Slam-Gewinnen abgewechselt, so wurden diese dann nahtlos von der nächsten Top-Generation mit Alcaraz und Sinner abgelöst. Für den Rest vom Tennisfest gab es ab Paris 2005 mit ganz wenigen Ausnahmen (Andy Murray, Stan Wawrinka, Juan Martin del Potro, Marin Cilic, Thiem und Medwedew) auf Major-Ebene nichts zu holen.
Die seltene Gunst der Stunde
Und so droht Zverev die traurige Auszeichnung, einer der erfolgreichsten Tennisspieler zu werden, die nie einen Grand-Slam-Titel gewinnen konnten. Der 29-Jährige ist Olympiasieger, zweifacher ATP-Finals-Triumphator, hat sieben Masters-Trophäen und insgesamt 24 Turniersiege auf seinem Konto. Erfolge, von denen das Gros sämtlicher ATP-Akteure nur träumen kann. Trotzdem, dem Weltranglistendritten droht eine unvollendete Karriere. Wäre da nicht diese Tür, die sich plötzlich für „Sascha“ bei den French Open in Roland Garros geöffnet hat. Alcaraz trat nicht an, Sinner und Djokovic flogen überraschend früh raus. Ein Szenario, das an die US Open 2020 erinnert: Federer und Nadal waren nicht dabei und Djokovic wurde im Achtelfinale disqualifiziert.
Kann Zverev diesmal die Chance nützen? Auf dem Weg ins Endspiel agierte der 1,98-Meter-Hüne, dessen größter Gegner heute wohl der enorme Druck, der auf ihm lastet, ist, souverän, gab in sechs Partien nur zwei Sätze ab. Er ist gegen seinen Herausforderer, seinen italienischen Kumpel Flavio Cobolli („Er ist ein netter Mensch und hat ein gutes Herz“), zu favorisieren und hat die Erfahrung auf seiner Seite. Verlässt ihn wie 2020 nicht plötzlich der Aufschlag, ist er in diesem Finale der Spieler mit der dominantesten Waffe. Wird Zverevs Hartnäckigkeit belohnt und kann er heute den großen Coup landen, wäre er der erste deutsche Paris-Sieger der Open Era sowie der erste deutsche Grand-Slam-Triumphator seit Boris Becker bei den Australian Open 1996.