Weil offenbar noch immer alles ein Etikett braucht, wird die neuseeländische Sängerin Aldous Harding in die Schublade „Gothic Folk“ gesteckt. Wie alle großen Künstlerinnen – und eine solche steckt zweifelsohne in Harding – unterläuft auch die 36-Jährige immer wieder diese Zuschreibung. Auch ihr neues Album „Train on the Island“ ist ein lustvolles Aufbrechen von Korsetts.

Die wunderbare Schräglage hat Harding beibehalten, aber soundtechnisch wird ihr musikalischer Horizont immer weiter. Pop-Ballade, Blues, Post-Punk, Chamber-Folk, alles hat Platz in diesem Kosmos. Grundiert sind die Songs, oft getragen von zerbrechlichem Gesang, von einer gelassenen Traurigkeit; doch die Düsternis wird immer wieder durchbrochen von einem Schmunzeln über sich selbst. Aldous Harding besitzt die Gabe zur Selbstironie – selten in diesem Gewerbe. Bei Live-Auftritten verdreht sie gerne die Augen, wenn es allzu pathetisch wird. Alles nur Show. Oder doch nicht? Harding spielt mit Klischees, mit Identitäten, mit Erwartungshaltungen.

Die Songs auf „Train on the Island“ sind oft unverschämt melodiös. Textlich geht es um Kindheitserinnerungen, Entfremdung, Neuorientierung. Das ist poetisch, dann wieder kurios und absurd, es ist Storytelling auf hohem Niveau, dargeboten von einer Künstlerin, die authentisch klingt, weil sie eben nicht zwanghaft versucht, es zu sein. Das klingt paradox, passt aber gut zum gefinkelten Rollenspiel einer Unberechenbaren, die sich selbst nicht immer ernst nimmt, ihre Kunst aber sehr wohl.

Aldous Harding. Train on the Island. Indigo.