Das Geschirr klappert, elegant gekleidete Kellner eilen von Gast zu Gast. Wenn am späten Nachmittag der Duft von frisch gebrühtem Earl Grey durch das elegante „Empress Hotel“ zieht und rote Doppeldeckerbusse an den viktorianischen Fassaden vorbeifahren, wirkt Victoria eher wie eine Stadt im Süden Englands als wie eine Hafenstadt an Kanadas rauer Pazifikküste.

Die Hauptstadt der kanadischen Provinz British Columbia liegt nur eine kurze Fährfahrt vom WM-Spielort Vancouver entfernt und pflegt ihr britisches Erbe mit sichtbarer Hingabe: gepflegte Gärten, traditionsreiche Pubs und der berühmte High Tea gehören hier ebenso zum Alltag wie der Union Jack, der immer mal wieder vor den historischen Parlamentsgebäuden am Inner Harbour weht.

Irgendwo zwischen Europa und den USA

Kanada gehört geografisch zu Nordamerika, pflegt kulturell jedoch einen eigenen Charakter – irgendwo zwischen Europa und den USA. Viele Kanadier sind stolz darauf, keine Amerikaner zu sein: weniger laut, weniger ideologisch, stärker auf Ausgleich bedacht. Wirtschaftlich eng miteinander verflochten, haben sich die beiden WM-Gastgeberländer zuletzt spürbar voneinander entfremdet.

Seit der amerikanische Präsident damit droht, Kanada zum 51. Bundesstaat der USA zu machen und Grönland übernehmen zu wollen, orientiert sich das Land außenpolitisch neu. Kanada lehnt sich wieder stärker an Europa und Asien an; selbst eine mögliche Mitgliedschaft in der EU wird inzwischen diskutiert, eine Teilnahme am Eurovision Song Contest steht im offiziellen Regierungsprogramm.

Bayern-Verteidiger und Kanada-Kapitän Alphonso Davies
Bayern-Verteidiger und Kanada-Kapitän Alphonso Davies © AP/Charlie Riedel

„Wenn du nicht am Tisch sitzt, stehst du auf der Speisekarte“

In einer viel beachteten Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar beschrieb Premierminister Mark Carney den Bruch der bisherigen Weltordnung und forderte Mittelmächte wie Kanada und die EU-Staaten auf, enger zu kooperieren und sich unabhängiger von den Großmächten zu machen: „Wenn du nicht am Tisch sitzt, stehst du auf der Speisekarte.“

Auf die Zolldrohungen aus dem Süden reagieren viele Kanadier mit Aufklebern in Supermärkten, die eine kanadische Flagge zeigen und auf heimische Produkte hinweisen: „Buy Canadian“. Das staatliche Gesundheitssystem gilt vielen als Teil der nationalen Identität – ebenso wie die strengen Waffengesetze und die Vorstellung, dass kulturelle Vielfalt keine Bedrohung, sondern eine Stärke ist.

Rund ein Fünftel der Kanadier wächst mit Französisch als Muttersprache auf, vor allem in der Provinz Québec im Osten des Landes. In Großstädten wie Toronto – neben Vancouver der zweite WM-Spielort in Kanada – bietet der Notruf seine Dienste in mehr als 180 Sprachen an. Sprachen, Gerüche und Kulturen wechseln hier oft von Straßenblock zu Straßenblock.

Der 553 Meter hohe CN-Tower in Toronto
Der 553 Meter hohe CN-Tower in Toronto © Imago / Imago

Multikulti ist in der Verfassung verankert, die Realität sieht oft anders aus

Asiatische Supermärkte liegen neben karibischen Restaurants, Sikh-Tempel neben Kirchen. Kaum ein westliches Land versteht Einwanderung so sehr als Teil seiner eigenen Geschichte wie Kanada. „Multikulturalismus“ ist sogar in der Verfassung verankert – auch wenn die offiziellen Zuwanderungsquoten angesichts hoher Lebenshaltungskosten zuletzt merklich gesenkt wurden.

Gerne sehen sich die Kanadier als liberales Vorzeigeland, in dem legales Cannabis und die Ehe für alle weitgehend unumstritten sind. Doch nicht immer entspricht diese rosige Selbstwahrnehmung der Realität: Viele indigene Gemeinschaften kämpfen um den Erhalt ihrer Kulturen und Sprachen. In den Großstädten sind Drogenprobleme und Wohnungsnot unübersehbar.

Als Handelspartner setzt das zweitgrößte Land der Erde zunehmend auf Märkte jenseits der USA. Kanada hat viel zu bieten: Rohstoffe, Öl, Mineralien, Kalisalze, Strom aus Wasserkraftwerken, Holz und Papier. Künstler wie Céline Dion, Drake oder Justin Bieber stehen für die kulturelle Dynamik des Landes – ebenso mutige TV-Blockbuster wie die queere Eishockey-Romanze „Heated Rivalry“.

Prägend für die Wahrnehmung Kanadas in der Welt sind auch die gewaltigen Naturflächen zwischen Atlantik, Pazifik und Arktischem Ozean. Das Land ist so groß, dass Österreich 115-mal hineinpassen würde – bei nur rund 40 Millionen Einwohnern. Die meisten Menschen leben in einem schmalen Streifen entlang der US-Grenze; große Teile des Landes sind dagegen nur dünn besiedelt.

Was die Kanadier zusammenschweißt

Viele Kanadier haben ihre Reisen ins südliche Nachbarland gestrichen und machen Urlaub im eigenen Land. Für die rund 20 Millionen internationalen Touristen, die Kanada jedes Jahr besuchen, ist die geografische Weite dank endloser Wälder und einsamer Highways ein echtes Aha-Erlebnis. Im Hinterland streifen Grizzlybären, Wölfe, Berglöwen und Rentierherden durch die Wildnis.

Das Leben mit der unerbittlichen Natur und mit den rauen Wintern prägt die kanadische Mentalität. Schneestürme, eisige Temperaturen und die langen, dunklen Monate sind Teil einer kollektiven Erfahrung, die viele Menschen unabhängig von ihren sonstigen Unterschieden verbindet. Das schweißt die Kanadier zusammen – auch angesichts neuer Bedrohungen von außen.

Das Klima prägt auch den Sport. Zwar freuen sich viele Kanadier darüber, dass die Fußball-WM in diesem Jahr auch in ihrem Land stattfindet. Doch der Profifußball spielt im Alltag bislang nur eine Nebenrolle. Die Männernationalmannschaft bewegt sich international nur im Mittelfeld. Die wahre Leidenschaft der Kanadier gilt dem Eishockey – dort gehört das Land zur absoluten Weltspitze.