Mein Freund, der Philosoph, ist enttäuscht, dass Peter Thiel jetzt doch nicht bei den Wiener Festwochen auftritt. Wie unser Kulturchef Martin Gasser glaubt er zwar nicht, dass das Kunstfestival das richtige Format ist, um die politische Theologie eines Tech-Milliardärs zu debattieren. Trotzdem hätten seine Neugierde und sein Drang nach Erkenntnis die Skepsis überwogen, gesteht er mir in der Früh am Telefon.

Mir geht es da ähnlich. Nach seiner fiebrigen Hochblüte im Mittelalter spielt das apokalyptische Denken hierzulande ja spätestens seit der Aufklärung keine wirklich eminente Rolle mehr. Dennoch hätte ich gern aus erster Hand erfahren, was Thiel so über den Antichristen und den geheimnisumwitterten Katechon denkt, der nach den Worten des Apostels Paulus den Weltuntergang aufhalten soll. Das wenige, was man über die Gedankenwelt des Investors weiß, stammt nämlich vorwiegend aus bruchstückhaften Äußerungen, Mutmaßungen und den Deutungen eines Innsbrucker Theologen, der mit seiner Bekanntschaft mit Thiel von Radiostation zu Radiostation durch die Lande tingelt wie ein mittelalterlicher Schausteller mit seinem Tanzbären.

Auch der sechsteilige, vom Deutschlandfunk produzierte Podcast „Die Peter-Thiel-Story“ konnte meine Neugier nicht stillen. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen! Natürlich halte ich die Konzentration von Big Money, Big Data und politischen Ambitionen für potenziell unheilvoll. Und gern würde ich ja glauben, dass Thiel gewissermaßen schon im Säuglingsalter mit dem Schnuller im Mund den Griff nach der Weltherrschaft zu planen begann. Aber ich hab’s halt nicht so mit der Beschwörung von großen Masterplänen, selbst wenn sie im Gewand wohlmeinender aufklärerischer Besorgnis daherkommen.

Thiels Ausladung von den Festwochen offenbart jedenfalls, wie weit es in Milo Raus „freier Republik“ mit der Meinungsfreiheit her ist. Diese gilt nur, solange sie sich mit den Ansichten der selbsternannten Tugendwächter deckt, die alles mit Denk- und Redeverboten belegen, was nicht ihrem engen Weltbild entspricht.

Thiel ist da bei weitem nicht der krasseste Fall. Er fügt sich ein in eine ganze Reihe bekannter Persönlichkeiten von der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer über die Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali bis hin zur Harry-Potter-Autorin J. K. Rowling, die mit nahezu religiösem Eifer ihrer nichtkonformen Ansichten wegen als faschistisch, transphob und rassistisch denunziert werden und mit Boykottaufrufen zum Schweigen gebracht werden sollen.

Der Gründer der Überwachungsfirma Palantir ist robust genug, um seine Ausladung zu verkraften. Aber was ist mit denen, die nicht über seine finanziellen Mittel, seine Unabhängigkeit und sein Sendungsbewusstsein verfügen? Ist das Vertrauen in die Macht des besseren Arguments heute wirklich so gering, dass man sich vor den bizarren Weltuntergangsfantasien eines rechtslibertären Milliardärs fürchtet?

Es geht ja nicht nur um Milo Raus geschmäcklerisches Erregungsspektakel. Wo sich die Meinungsräume moralisch aufladen, die Korridore des Sagbaren verengen und missliebige Standpunkte ausgegrenzt werden, da ziehen für die Demokratie und ihr Versprechen einer pluralistischen Gesellschaft unwirtliche Zeiten auf, meint mit herzlichen Grüßen

Stefan Winkler