Dieses Atelier ist eine einzige Wunder- und Wortspielkammer. In einem Regal wird der weiße „Rote Teppich“ ausgerollt. Auf der Uhr an der Wand ist es einfach immer „5 vor 12 Uhr“ und eine Etage höher wird die Dreifaltigkeit in weiblich – Mutter, Tochter, Heiliger Geist – dargestellt. Nichts ist hier in Stein gemeißelt. Im Gegenteil: Alles ist zum Hinterfragen da. Und das durchaus mit Augenzwinkern, denn „Humor ist der Schuhlöffel für viele Dinge“, ist Künstler Josef Lederer überzeugt.
„Schon als Kind habe ich am Feld Lehmklumpen genommen und geformt oder mich nach stressigen Zeiten mit Tuschezeichnungen belohnt“, erinnert sich der 58-Jährige an seine Anfänge daheim am elterlichen Bauernhof in Burgau zurück. Da habe sie bereits gekeimt – seine Begeisterung für die Kunst, aber auch die Faszination für Religion.
„Die Hausordnung war so dick wie die Mauern“
Daher geht es 1978 auch nach Graz ins Bischöfliche Seminar. „Damals war noch alles sehr verstaubt und die Hausordnung war genauso dick wie die Mauern“, sagt Lederer, der immer schon damit geliebäugelt hatte, Pfarrer zu werden.
Gott und die Um(welt)
„Ich habe mich schon ein bisschen berufen gefühlt. Man kann ja viel machen. Man kann reisen, soziale Projekte starten, kunstmäßig unterwegs sein und etwas für die Umwelt tun. Weil das Christsein ist ja mehr als nur Kirchegehen oder Messenfeiern. Man kann ein weltzugewandter, christlicher, solidarischer Mensch sein.“
Es folgt das Theologiestudium in Graz. Das Thema seiner Diplomarbeit: „Ist die ökologische Krise eine Wertekrise?“ „Ehrenamtlich war ich da schon bei Global 2000.“
Die Ennsnahe Trasse, das Kernkraftwerk Krško, die Tropenholzimporte – das sind die Themen, die den Studenten bewegen und umtreiben. „Ich war halt der Transparentemaler von Global 2000. Wir sind auf das Lichterschwert geklettert und haben auch Flyer verteilt. Aber wir waren nicht so, dass wir uns auf die Straßen picken. Das verhärtet die Fronten nur noch mehr. Wir wollten uns nicht mit den Leuten verfeinden. Wir wollten ins Gespräch kommen und nicht in die Konfrontation gehen.“
Ein Satz, der sich auch auf die Kunst des Oststeirers ummünzen lässt. Im oberen Stock seiner Wunderkammer erklärt der Vater einer Tochter einige seiner Werke. Zum Beispiel einen Zyklus, in dem er biblische Bilder ins Heute holt. „Es geht darum, die Geschichten aus ihrer Versteinerung zu lösen und sie als lebendige, menschliche Erfahrungen zu zeigen.“ Werke, die wirken – wie eine Ausstellung im Stift Vorau zeigt. „Vor allem die Frauen hat das sehr beschäftigt“, so Lederer, der auch als Nebenerwerbsbauer tätig ist.
Aus dem Pfarrer-Dasein wird jedenfalls nichts. Die Beschäftigung mit der Thematik bleibt jedoch. „Mir gefällt Gott, wenn ich nicht davon reden muss. Ich hatte das Gefühl, wenn ich in der Kirche arbeite, muss ich das immer verbalisieren. Das will ich aber nicht.“ Stattdessen drückt sich Lederer seit dem Jahr 2000 mit seiner Kunst aus. Und widmet sich hier im wahrsten Sinne des Wortes – Gott und der Welt.
Keine Wartezeit bis zum Kuss der Muse
Ob es denn einfach ist, mit einem Künstler zusammenzuleben? „Ist es denn einfach, überhaupt mit jemandem zusammen zu leben?“, lautet seine Gegenfrage. Es sei jedenfalls nicht so, dass er hier sitze und warte, bis ihn die Muse küsst. Es gehe schon darum, dem Tag Struktur zu geben.
„Ich bin Herr meiner Zeit. Dafür zahle ich auch gerne den Preis – die fehlende Sicherheit“, so der Künstler in seiner Wunder- und Wortspielkammer, in der man auf endlose Entdeckungsreise gehen könnte. „Ich bin einfach zufrieden“, sagt Lederer. Man glaubt es ihm aufs Wort.