Der Muskelprotz He-Man geistert wieder über die Leinwände. Demnächst wird Milly Alcock versuchen, der Supergirl-Figur neues Leben einzuhauchen, während Hugh Jackman sich bald als alternder Robin Hood mit der Sterblichkeit auseinandersetzen muss.

Von einer Rückkehr des Heldischen ins Kino kann man dennoch nicht sprechen, weil es nie weg war. Obwohl sich die größte Superhelden-Manufaktur Marvel auf einem künstlerischen Tiefpunkt befindet, obwohl vor langem das „postheroische Zeitalter“ eingeläutet worden ist: Die Erzählung von heroischen Individuen gehört dennoch zu den stabilsten der Menschheit.

Der amerikanische Ethnologe Joseph Campbell hat vor einem Dreivierteljahrhundert die alten Heldenerzählungen der Weltkulturen analysiert und kam zum Schluss, dass es sich um einen Monomythos handle. Das heißt, der Mythos vom Helden erscheint in jeder Kultur und in jedem Zeitalter. In seiner Studie „Der Heros in Tausend Gestalten“, die 1949 erschienen ist, hat er eindrucksvoll belegt, dass die Geschichte vom Helden nicht an einen Ort oder an eine Zeit gebunden ist. Mehr noch, Campbell entdeckte, dass sich alle diesen Erzählungen, seien sie aus Griechenland, Indien oder Mali, gemeinsame Merkmale hätten. Er postulierte das Modell der „Heldenreise“. Grob vereinfacht geht es um Figuren, die mit ihrer Umwelt hadern und ihr entfremdet sind. Sie entfernen sich, sie treffen Mentoren, bestehen Prüfungen, treffen Göttinnen (oder Verführerinnen), überwinden ihre Konflikte, durchleben eine Initiation und kehren als Helden, mit sich und der Gemeinschaft im Reinen, zurück. Dabei ist es egal, ob man solche Mythen als Träume des kollektiven Unbewussten sieht, oder als Anleitungen zur Anpassung des Individuums an seine Gruppe oder als in ein erzählerisches Kleid gehüllte metaphysische Erkenntnis.

Diese Heldenreise und ihre Konflikte erscheinen uns so vertraut, dass sie banal erscheinen müssen. Sie sind uns aber deshalb so vertraut, weil Menschen des 20. Jahrhunderts gar nicht Sagen des Altertums studieren mussten. Sie bekamen diese Geschichten Hunderte Male in Filmen zu sehen. So entspricht die Geschichte von Luke Skywalker aus „Star Wars“ eins zu eins dem Modell, dass Campbell aufstellte. Nicht ganz von ungefähr: „Star Wars“-Erfinder George Lucas gehörte zu den vielen begeisterten Lesern Campbells, die „Heros in Tausend Gestalten“ verschlungen haben. Tatsächlich haben auch Steven Spielberg, Stanley Kubrick und Bob Dylan das Buch aufmerksam gelesen. Lucas verband später sogar eine Freundschaft mit Campbell, der, wie er selbst angab, zu „seinem Yoda“, seinem Mentor geworden war.

Die bekanntesten Superhelden entsprechen alle dem von Campbell entdeckten Muster, ihre Superkräfte sind ja nur ein äußeres Zeichen ihrer Fremdheit, in Wahrheit handeln alle Geschichten von Reisen und Transformationen. Spider-Man ist die Geschichte vom Erwachsenwerden, Superman die Geschichte des Exilanten, Batman schließlich eine über die Verantwortung für andere. Alle drei integrieren sich nach vielen Problemen und Prüfungen, nach Zweifeln und Rückschlägen in ihre Gemeinschaft. Selbst die Geschichte von Teufels Sohn Damien aus „Das Omen“ hat alle Merkmale einer Heldenreise, in diesem Fall ist es eben ein Antiheld. Im wahrsten Wortsinn.

Tatsächlich ging es bei Campbell immer um Männer, Frauen erscheinen als Göttinnen, die dem Helden entscheidende Impulse auf den Weg geben.  Figuren, die in der Popkultur Prinzessin Leia, Lois Lane oder Mrs. Baylock (der bösen Haushälterin aus „Das Omen“) heißen. Erst viele Jahrzehnte nach Campbell haben Ethnologinnen die Prinzipien der „Heldenreise“ auch auf Frauen angewendet. Campbell selbst scheute übrigens keineswegs davor, auch die Weltreligionen in sein Mythenpanorama einzugliedern: Siddharta, Mohammed, Jesus von Nazareth seien „universelle Helden“, und unter mythologischer Perspektive Brüder vom griechisch-römischen Aeneas, dem germanischen Siegfried und dem aztekischen Tezcatlipoca.

Nach den Schrecknissen der Weltkriege und mit der Rationalisierung der Gesellschaft sah man das Heldische immer skeptischer, in der Populärkultur haben diese alten Mythen aber ihre Fortsetzung gefunden. Campbell selbst sah das Verschwinden des Heldischen melancholisch: „Der Heldenzyklus der modernen Zeit ist die Wundererzählung vom Erwachsenwerden der Menschheit. Das Kollektiv und die Welt sind nicht mehr Träger von Sinn und Bedeutung, diese Rolle fällt allein dem Individuum zu, dem sie allerdings vollkommen unbewusst bleiben.“ Das verschüttete Unbewusste, die Absenz des Kosmologischen stimmte den Schüler des Tiefenpsychologen C. G. Jung traurig: „Das religiöse Gebärdenspiel ist kaum eher als eine scheinheilige Übung für den Sonntagmorgen, während Geschäftsethos und Patriotismus für den Rest der Woche zuständig sind.“