Vielleicht könnte man es routiniert nennen, wenn man die Stimmungslage an der Oberfläche in Mexiko wenige Tage vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft beschreiben will. Man spürt angesichts des bereits dritten Weltturniers im Land wenig Euphorie, man sieht hier und da Männer und Frauen jeden Alters mit dem grünen Trikot der Nationalmannschaft auf den Straßen. Dass Mexiko nur 13 der 104 Spiele ausrichten darf, hilft dem Enthusiasmus auch nicht auf die Sprünge.
Baggern, teeren, pflastern bis zum Anpfiff
Wenn man aber nachhakt, kommen die Klagen und richtiger Unmut zum Vorschein. Ach, die absurden Preise, sagen die einen. Kaum ein Mexikaner kann oder will einen Monatslohn für eines der Gruppenspiele ausgeben. Die katastrophale Sicherheitslage, warnen die anderen. Und dann das Chaos rund um die Arbeiten zur Verbesserung der Infrastruktur in den Spielorten Mexiko-Stadt, Monterrey und Guadalajara. Straßen, Flughäfen, U-Bahnen, Fahrradwege, Parks und öffentliche Plätze. Praktisch bis zum Anpfiff am 11. Juni um 13 Uhr Ortszeit (21 Uhr MESZ) wird gebuddelt, gebaggert, abgerissen und aufgebaut, geteert und gepflastert. Immerhin ist das Aztekenstadion rechtzeitig zur Eröffnung fertig geworden, auch wenn an vielen Ecken und Enden gepfuscht wurde.
Und so blickt auch Santiago Martínez, 23, sein ganzes junges Leben ein riesiger Fußball-Fan, ernüchtert auf das Turnier. „Die Atmosphäre ist geprägt von Frustration bis Ablehnung. Die Bauarbeiten, die mangelhafte Politik und dass alles getan wird, was die FIFA will“, zählt der Student der Geschichtswissenschaft auf. Zudem sei alles nur für Touristen konzipiert und nicht für die Einheimischen.
„Fußballerisch bin ich hin- und hergerissen. Einerseits habe ich mir eine WM in meinem Land seit Jahren erträumt“, unterstreicht Martínez. Andererseits seien die Zweifel enorm. „Was den sportlichen Aspekt mit der Erweiterung auf 48 Mannschaften betrifft, bis hin zum Co-Gastgeber USA und seinem grassierenden Faschismus“ – es sei erschreckend, was da passiert.
Fußball unter Kriegsbedingungen
Noch einen Schritt weiter geht der Schriftsteller Antonio Ortuño. „Weder Mexiko noch die USA sollten Gastgeber sein“, urteilt der 49-Jährige im Gespräch. Das Land im Norden sei „Feindesland für Ausländer“. Und Mexiko leide unter so vielen Gewalt- und Sicherheitsthemen, dass es schlicht nicht in der Lage sei, ein Weltturnier auszurichten. „Für eine friedliche und fröhliche internationale Großveranstaltung, die von gemeinsamem Erleben und Feiern lebt, sind Mexiko und die USA als Ausrichter untragbar“, unterstreicht Ortuño, der selbst großer Anhänger des Sports ist.
Nachdem im Februar der Kartellboss Nemesio Oseguera Cervantes alias „El Mencho“ von Sicherheitskräften getötet wurde und anschließend der WM-Spielort Guadalajara und Teile des ganzen Landes mehr als einen Tag vom größten Kartell CJNG terrorisiert wurden, kamen kurz Zweifel am Ausrichterland auf. Aber FIFA und Regierung wischten die Bedenken handstreichartig weg.
Präsidentin Claudia Sheinbaum reiste nach Guadalajara und stellte den „Plan Kukulkán“ vor: Rund 99.000 Einsatzkräfte sollen die WM absichern. Sicherheitszonen werden gezogen, Drohnen und Militär sind im Einsatz – Fußball unter Kriegsbedingungen. Immerhin: Seit Februar hält sich das Kartell „Jalisco Neue Generation“ (CJNG) mit Gewalttaten zurück.
Die legalen Tentakel des Kartells
Sicherheitsexperten sind sich uneins, ob es Absprachen mit der Regierung gegeben hat oder ob das Syndikat selbst ein Interesse daran hat, dass das Turnier ohne Zwischenfälle verläuft. Das Kartell profitiere selbst von der Großveranstaltung, weil die Touristen helfen, die Geschäfte voranzutreiben, sagt David Mora, Mexiko-Experte vom Thinktank „Crisis Group“. Drogen, Prostitution, Transportservices, Fanbetreuung und Versorgung. Überall seien die legalen Tentakel des Kartells vertreten und dienten so bestens zur Geldwäsche.
Eine besonders dunkle Seite der Kartellgewalt offenbart sich dabei nahe des WM-Stadions Akron im Vorort Zapopán von Guadalajara. Seit Januar 2025 haben Suchtrupps von Angehörigen und die Behörden innerhalb der Stadtgrenzen 58 Massengräber mit 226 menschlichen Überresten entdeckt. Fünf dieser Gräber befanden sich weniger als fünf Kilometer vom WM-Stadion entfernt. Im Bundesstaat Jalisco und seiner Hauptstadt Guadalajara gelten laut offiziellen Zahlen fast 14.000 Menschen als vermisst. Meistens sind es junge Frauen und Männer, die mutmaßlich Opfer der Organisierten Kriminalität wurden. Nirgends in Mexiko werden mehr Menschen vermisst als hier. Und wenn überhaupt, tauchen die Verschwundenen in schwarzen Müllsäcken und verscharrt in Massengräbern wieder auf.
Bei diesem Panorama kommt verständlicherweise wenig Stimmung im zweitgrößten Land Lateinamerikas auf. Zudem fühlen sich die Menschen von der WM und ihrer Organisation überfahren und gleichzeitig ausgeschlossen. „1986 war die WM ein nationales Fest, an dem jeder und jede gerne teilnahm“, sagt Schriftsteller Ortuño und ergänzt: „Dieses Mal fühlt es sich wie eine Verpflichtung an.“ Die Weltmeisterschaft sei in den Händen von „gierigen Unternehmern“ und der FIFA. „Es ist kein Turnier der Fans, sondern der Unternehmen.“
Aber dennoch: In Mexiko können Emotionen von einem Moment auf den anderen umschlagen. Und wenn der Ball erst mal rollt und die Nationalmannschaft vielleicht ihr Eröffnungsspiel gegen Südafrika auch noch gewinnt, dann sind Ängste und Ärger für den Moment schlagartig vergessen. „Ich schaue zwar die Spiele Mexikos, aber wir scheiden sowieso früh aus“, baut Antonio Ortuño vor und ergänzt: „So habe ich immerhin mehr Zeit zum Schreiben.“