Man möchte nicht vergessen, aber kein Tatort mehr sein. Nach vorne blicken und vor allem nicht über den Amoklauf im vergangenen Jahr definiert werden. Dieses Gefühl bekommt man, wenn man den Schülersprechern, der Direktorin und dem Elternvertreter des BORG Dreierschützengasse lauscht, die am Montag gemeinsam mit politischen Vertretern vor die Medien getreten sind. All das ist selbstverständlich ein Balanceakt. Keine leichte Aufgabe. Dessen ist man sich bewusst.

Der 10. Juni wird für die gesamte Schulgemeinschaft kein leichter Tag. Erinnerungen und Emotionen. All das wird wieder an die Oberfläche drängen. Daher wolle man den Tag gemeinsam verbringen, in der Schule. Nur Lehrer und Schüler im kleinen Kreis. Das hat die Mehrheit der Schüler so entschieden.

Die Schulgemeinschaft trat am Montag gemeinsam mit politischen Vertrertern vor die Medien
Die Schulgemeinschaft trat am Montag gemeinsam mit politischen Vertrertern vor die Medien © APA / Erwin Scheriau

In diesen großen Fragen einen Konsens oder besser gesagt einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden ist schwierig. Denn auch an der Schule gibt es keine Blaupause für die Trauer und das Gedenken.

Ein zurück zum Vorher gibt es nicht

Auch die Schülersprecher Manuel Mohr und Nuno Koval können und wollen daher nicht für alle sprechen. Was für sie aber feststeht: Die Schule habe sich im letzten Jahr Schritt für Schritt stabilisiert, mehr Alltag gefunden. Das heißt aber nicht, dass alles wie früher ist. „Wenn man in der Klasse sitzt und ein Geräusch hört, das nicht sofort zuordenbar ist, schießen einem sofort Fragen durch den Kopf: Was war das? Kommt das gleiche Geräusch noch öfter?“, erzählt Koval. Diese automatische Reaktion, diese Fragen, sie haben sich bei vielen Schülerinnen und Schülern eingebrannt.

Halt geben dabei andere Schülerinnen und Schüler, Lehrpersonen, aber auch die Schulpsychologie, die seit dem letzten Jahr dauerhaft und jeden Tag mit einem Team zur Verfügung steht. Über 1000 Beratungen hat es laut Bildungsdirektorin Elisabeth Meixner bisher gegeben. Ein Angebot, das auch im neuen Schuljahr bestehen bleibt. „Die Wunden sind nicht verschwunden, aber wir haben gelernt gemeinsam damit umzugehen“, sagt Mohr.

Die Schülerinnen, die Lehrpersonen, sie alle seien noch enger zusammengerückt. Für die Eltern ist neben der Unterstützung ihrer Kinder vor allem eines wichtig: „Unsere Kinder sollen nicht über den Amoklauf definiert werden“, sagt Mirza Candic, Obmann des Elternvereins.

Starker Zusammenhalt als Stütze

Das beweist auch Direktorin Liane Strohmaier. Auch für sie ist das Geschehene eine grausame Ausnahmesituation, ein emotionaler Ausnahmezustand. Auch sie ist Betroffene. Zu gehen, einfach das Handtuch zu werfen wäre für sie dennoch nie infrage gekommen. „Seit 25 Jahren ist das meine Schule, ich hätte das als Davonlaufen empunden, wenn ich gegangen wäre“, sagt sie.

Die Schule ist aktuell eine Baustelle, lediglich die Funktionsräume werden genutzt. Die Heizung, die Sanitäranlagen und die Elektronik der Schule wurden bereits erneuert. Seit Mai wird am Innenausbau gewerkt. Ende August sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein. Auch ein bauliches Sicherheitskonzept wird es laut Meixner geben. Details dazu wird man keine nennen – aus Sicherheitsgründen.

Bauliches Sicherheitssytem und Ort des Gedenkens

Klar ist zudem seit dem Beginn der Umbauarbeiten: Die Klassen in denen der Amoklauf stattgefunden hat, werden zum „Ort der Stille“. Unterricht wird dort keiner mehr stattfinden. Damit folgt man Konzepten aus dem Ausland. Auch einen Gedenkort wird es an der Schule geben. Wie dieser genau aussehen wird, ist noch unklar, soll nach Abschluss der Bauarbeiten definiert werden. „Es ist definiert, wo der Raum sein wird und dass die Schülerinnen und Schüler in die Gestaltung eingebunden werden“, sagt Strohmaier.

Steiermark bekommt Koordinationsstelle für Gewaltprävention

Zuvor steht im Herbst aber die vollständige Rückkehr in das neu gestaltete Schulgebäude an. Auch die organisatorische Unterstützung wird dann langsam zurückgefahren. Die Steuerungsgruppe, die seit Herbst die Schule unterstützt, wird sich herausnehmen, das Steuer wieder voll und ganz in die Hände der Schule und der Bildungsdirektion legen. Aber auch in der Gewaltprävention in der Steiermark wird sich etwas verändern. „Wir werden mit nächstem Jahr eine Koordinationsstelle für Gewaltprävention einrichten, um ein punktgenaues Angebot zu vermitteln“, sagt Bildungslandesrat Stefan Hermann.

Bevor es ins neue Schuljahr geht steht für die Maturantinnen und Maturanten aber noch die mündliche Reifeprüfung an. Start ist der 11. Juni. Ein Termin, der nicht von allen als passend angesehen wird. Laut Strohmaier ist der Start nur einen Tag nachdem sich der Amoklauf jährt, einer organisatorischen Notwendigkeit geschuldet. „Wir haben fünf Reifeprüfungsklassen, wir müssen anfangen, sonst kommen wir zu weit in die Ferien hinein“, erklärt sie.