Mamma Mia! In Paris und in der fernen Heimat zogen die Italiener elendslange Gesichter, als Jannik Sinner als haushoher Turnierfavorit in der zweiten Runde der French Open gegen Juan Manuel Cerundolo nach einem eklatanten Energieverlust in fünf Sätzen die Segel streichen musste. Nach der einmal mehr verpassten WM-Endrunde ihrer Fußballer hatten sämtliche sportlichen Hoffnungen der Azzurri in diesem Sommer auf dem neuen Volkshelden aus Sexten geruht – und dann hatte die Hitze dem Weltranglistenersten gnadenlos den Stecker gezogen.
Mittlerweile haben sich die italienischen Fans von diesem Schock aber erholt – und das hat gleich drei Gründe: So steht mit Flavio Cobolli, Matteo Berrettini und Matteo Arnaldi ein Trio unserer südlichen Nachbarn im Viertelfinale von Roland Garros. Und weil die beiden Matteos heute aufeinandertreffen, darf Italien schon jetzt über einen Halbfinalisten jubeln. Gewinnt zudem auch Cobolli sein Duell gegen den Kanadier Felix Auger-Aliassime, ist den „Römern der Neuzeit“ sogar ein Finalist sicher.
Marathonmann Arnaldi
Arnaldi (ATP-Nr. 104) und Berrettini (105) sind die einzigen Ungesetzten, die es in die Runde der letzten Acht geschafft haben. Während Berrettini seinen Landsmann Sinner mit einem 6:3, 7:6, 7:6 über Cerundolo „rächte“, darf man vor allem bei Arnaldi gespannt sein, inwieweit sich der 25-Jährige von den letzten Strapazen erholen kann. Den 7:6, 6:7, 3:6, 7:6, 6:4-Achtelfinalsieg gegen Frances Tiafoe fixierte der Rechtshänder aus Sanremo erst nach 5:26 Stunden um 1.09 Uhr früh. Es war nicht das erste Marathon-Match des ehemaligen Weltranglisten-30. (August 2024), hielt er sich doch bereits in der Runde zuvor gegen den Belgier Raphael Collignon knapp fünf Stunden auf dem Platz auf, ehe er im Champions-Tiebreak des finalen Satzes mit 10:4 die Oberhand behielt.
Drei Italiener im Pariser Viertelfinale – das unterstreicht einmal mehr, welchen Höhenflug das italienische Männer-Tennis in den vergangenen Jahren erfahren hat. Und dass dies ohne Sinner sowie den verletzten Lorenzo Musetti gelungen ist, macht den Erfolg noch bedeutsamer. Die größten Chancen auf den Titel werden aus dem Trio Cobolli eingeräumt. Der Weltranglisten-14., der zum zweiten Mal nach Wimbledon 2025 in einem Grand-Slam-Viertelfinale steht, ist derzeit Italiens Nummer drei und hat die Azzurri vergangenen November in Bologna gemeinsam mit Berrettini zum umjubelten Davis-Cup-Triumph geführt. Nach seinem hart umkämpften 6:2, 6:3, 6:7, 7:6-Achtelfinalsieg über den Amerikaner Zachary Svajda hatte der 24-Jährige aus Florenz, der im gesamten Turnierverlauf erst einen Satz abgegeben hat, beim Platzinterview für einen Lacher gesorgt, als er gestand: „Was ich heute gelernt habe, ist, dass ein Match nie zu Ende ist, bevor es zu Ende ist. Ich habe mir fast in die Hose gemacht.“
Dank Sinner (1), Musetti (11) Cobolli (14) und Luciano Darderi (17) verfügt Italien derzeit über die meisten Spieler in den Top 20 der Weltrangliste. Insgesamt stehen derzeit sechs Italiener in den Top 100, nach den French Open werden es wieder acht sein. Das liest sich eindeutig besser als die aktuelle FIFA-Weltrangliste, in der die Squadra Azzurra, die heute gegen Luxemburg testet, auf den zwölften Platz abgerutscht ist.