Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser!

Ausfall des vielleicht wichtigsten Spielers kurz vor Matchbeginn, ein Gegenspieler namens Hannibal, der in Österreichs Hintermannschaft Angst und Schrecken verbreitet, drei Stangen- bzw. Lattenschüsse des Gegners und ein Routinier, der sich in Handball-Manier eine rote Karte abholt. Zur Halbzeit des letzten WM-Testspiels der österreichischen Fußball-Nationalmannschaft am Montagabend gegen Tunesien brannte schon eine Überschrift wie „Bei der Generalprobe vorgeführt“ unter den Fingern. Es kam anders, mit zehn Mann und nach mehreren Spielerwechseln kämpfte sich das ÖFB-Team ins Spiel und gewann dieses letztlich sogar mit 1:0. „You may have stripes and stars but we‘ve got Sabitzer”, würden Paul Pizzera und das „Nationalteam“ im gewöhnungsbedürftigen WM-Song „Stripes and Stars“ da zum Besten geben.

„Einiges Neues gesehen“

Ob man Österreichs WM-Generalprobe wegen des Sieges als „geglückt“ bezeichnen kann, sei dahingestellt. Der Erkenntnisgewinn ist angesichts der Genese dieses Spiels jedenfalls ein höherer als man es sich von solchen Tests normalerweise erwarten darf. „Man kann schon davon ausgehen, dass es weitestgehend die Elf ist, die auch gegen Jordanien spielen könnte“, hatte Teamchef Ralf Rangnick vor dem Spiel gesagt. Nach dem Spiel klang das schon anders: „Wir haben heute einiges Neues gesehen, was durchaus auch für das erste WM-Spiel zu berücksichtigen ist.“ Zu übersehen war etwa nicht, dass der zur Halbzeit ins Spiel gekommene Saša Kalajdžić Österreichs derzeit formstärkster Stürmer ist. Was Marcel Koller bei der EM 2016 verabsäumte – nach aktueller Form und nicht nach historischen Verdiensten aufzustellen – wird Rangnick hoffentlich besser machen. Zwei, die ihren Zenit überschritten haben, bleiben im Sinne von Pizzeras Textzeilen wichtige Teammitglieder: „You may have Britney bitch, we’ve got Arnautovic. You’ve got Kendrick Lamar, but we’ve got Alaba.”

Fünf Sekunden für den Einwurf

Zehn Tage vor dem WM-Auftaktspiel (Mexiko vs. Südafrika) in Mexiko City hat der Weltfußballverband FIFA am Montag auch noch einmal auf neue Regeln verwiesen. Einige davon sind sinnvoll, wie der Versuch, den Spielfluss zu beschleunigen. Bei Einwürfen ist etwa kein langes Herumgehopse mehr erlaubt, sondern es gilt ein vom Schiedsrichter angezeigter Fünf-Sekunden-Countdown für die Ausführung – sonst wechselt der Ballbesitz. Die Fünf-Sekunden-Regel kommt auch bei Ausschüssen und Auswürfen der Tormänner zum Tragen. Dauert es zu lange, geht es mit einem Eckball für den Gegner weiter. Zeitschinden soll auch bei Spielerwechseln deutlich reduziert werden. Zehn Sekunden hat ein ausgewechselter Spieler Zeit, das Spielfeld zu verlassen. Dauert das zu lange, muss der neue Spieler zur Strafe eine Minute warten, bevor er auf den Platz darf.

Weg mit der Hand vor dem Mund

Zur Mitte jeder Halbzeit wird es, wie zuletzt schon in den Testspielen, eine jeweils dreiminütige Trinkpause geben. Zudem gehört das in den letzten Jahren inflationär gewordene „Hand oder Trikot vor den Mund, wenn man mit jemandem spricht, um Lippenlesen zu verhindern“ der Vergangenheit an. Wer das trotzdem macht, dem droht eine Rote Karte. FIFA-Präsident Gianni Infantino sieht darin „eine Maßnahme im Kampf gegen Rassismus“. Gelten soll die „Hand vor dem Mund“-Regel nur bei „konfrontativen“ Konversationen, nicht bei „freundschaftlichen“ zwischen Teamkollegen. Viel Spaß den Schiedsrichtern bei der Regelauslegung.

Apropos Spaß für die Schiedsrichter: Die Video-Schiedsrichter erhalten mehr Befugnisse und dürfen etwa bei strittigen Eckball-Situationen eingreifen. Sollte das für eine Häufung von oft quälend langen VAR-Prüfungen sorgen, führt das alle anderen spielflussbeschleunigenden Maßnahmen wohl ad absurdum. Zuzutrauen ist das der FIFA.

Einen diskussionsfreudigen Dienstag wünscht,

Wolfgang Fercher