Um sich dem Thema anzunähern, könnte man die Literaturgeschichte bemühen und aus Johann Wolfgang von Goethes „Italienischer Reise“ zitieren: „Nun erwarte ich, daß der Morgen diese Felskluft erhelle, in der ich auf der Grenzscheide des Südens und Nordens eingeklemmt bin“, notierte der Über-Dichter über seinen Kurzaufenthalt am Brennerpass im Jahr 1786. Man könnte aber auch einem Stück Austropop-Geschichte die Referenz erweisen und Rainhard Fendrich die legendäre „Macho Macho“-Textzeile „Willst du behaarte Männerbrust, du nicht über den Brenner musst“, singen lassen.

Über den Brenner konnte gestern acht Stunden lang niemand – wegen einer Totalsperre und Demonstration mit rund 4500 Teilnehmern direkt auf der Brennerautobahn. Die Schmerzgrenze für die Menschen, die entlang der bedeutenden Nord-Süd-Transitroute leben, sei erreicht, betonten die Organisatoren, und die Belastung durch Lärm, Staus und Abgase sei nicht mehr zumutbar. Sie fordern mehr Lärmschutzwände und konsequentere Fahrverbote für Lkw. Im Vorjahr passierten 13,6 Millionen Fahrzeuge, darunter 2,4 Millionen Lkw, die Brenner-Mautstelle. Die Schattenseiten des Wohlstandes: Seit den 1960er-Jahren versiebenfachte sich das Verkehrsaufkommen.

Klagen, Sperren, Verspätungen

Der Protest macht den Brenner zum Brennglas und Sinnbild für viele Diskussionen in Europa. In Italien und Deutschland sieht man die Sperre als „absurd, verantwortungslos, rücksichtlos und ideologisch motiviert“. Frächterverbände, Touristiker und Boulevardmedien sind empört. Italien klagt gegen Tiroler Anti-Transitmaßnahmen am Europäischen Gerichtshof: Umweltargumente dürften nicht dazu genutzt werden, den Waren- und Personenverkehr einzuschränken. Gerichtsentscheidungen, die Sperre und Demo ermöglichten, werden als praxisfremd hinterfragt. Das kennt man aus der Migrationspolitik.

Es geht auch um die Abwägung regionaler oder individueller Betroffenheit, die subjektiver Dramatisierung unterliegen kann, mit dem Interesse ganzer Sektoren. Und um das Spannungsfeld der Reisefreiheit, eine der Errungenschaften der europäischen Einigung, mit der zunehmenden Umweltbelastung, die diese mit sich bringt. Dass am Samstag gleichzeitig Beschädigungen an der Brennerbahnstrecke, womöglich verursacht durch radikale Umweltschützer, für stundenlange Zugverspätungen gesorgt haben, zeigt die Verwundbarkeit von Infrastruktur. Der Weg in das Sehnsuchtsland im Süden kann ein holpriger sein. Der Tag bewies auch, dass angekündigte Katastrophen oft nicht stattfinden und sich Vernunft durchsetzen kann. Das befürchtete Stauchaos bis nach Bayern blieb aus.

Langes Warten auf den Brenner-Basistunnel

Einen ordentlichen Teil des Verkehrs auf die Schiene zu verlagern ist alternativlos. Für die Wipptaler werden es noch quälend lange Jahre, bis der 55 Kilometer lange Brenner-Basistunnel frühestens 2032 fertiggestellt ist. Dass ausgerechnet in Bayern mit den notwendigen Zubringer-Trassen nichts weitergeht, ist auch ein Sinnbild – für den infrastrukturellen Zustand Deutschlands.