Es ist frisch an diesem Morgen, der anbrechende Tag verspricht, ein schöner zu werden. Der Himmel ist zartblau, der Grat des Grimmings in das warme Orange der aufgehenden Sonne getaucht. Ein herrlicher Anblick, für den ein Mann und eine Frau in Wörschachwald aber kein Auge haben.
Denn Manfred Schaunitzer, Obmann des Jagdschutzvereins Irdning, und Monika Stadler sind nicht zum Bewundern der Natur gekommen, sondern zum Arbeiten. Ihre Mission: Eine sieben Hektar große Wiese mit einer Drohne nach im kniehohen Gras versteckten Rehkitzen abzusuchen. Immerhin will Landwirt – und Bürgermeister der Gemeinde Stainach-Pürgg – Bernhard Schachner heute mähen.
„Sicher, dass wir was finden“
„Ich bin mir sicher, dass wir was finden. Wir haben drei hochbeschlagene Geißen gesehen in den letzten Tagen“, erklärt sein Vater Hermann Schachner. Der Altbauer zeigt auf den Bereich, wo die Sichtungen stattgefunden haben. Sohn Bernhard bedauert: „Trotz Sirene am Mähwerk haben wir im letzten Jahr mehrere Kitze erwischt.“ Eine Sache, die selbst gestandenen Männern nahe geht.
Um das heuer zu verhindern, nehmen die Schachners das neue Angebot des Irdninger Jagdschutzvereins in Anspruch. Selbiger besitzt seit kurzem drei Drohnen und sucht für Bauern vor der Mahd die Flächen kostenlos nach Rehkitzen ab.
Wenige Minuten nach ihrer Ankunft sind Schaunitzer, Stadler und die Drohne startklar. Das Fluggerät erhebt sich in die Luft, sucht nach einem zuvor eingegebenen Raster die Wiese systematisch ab. Pilot Schaunitzer entdeckt kurz nach dem Start über die an der Drohne angebrachte Wärmebildkamera die ersten auffälligen Punkte. Nach Zoom und Temperaturkontrolle entpuppen sie sich als Maulwurfshügel oder Erdlöcher.
Helfer per Handy gelotst
Dann aber heißt es für Stadler und Altbauer Schachner ausrücken. Ein Punkt kann aus der Luft nicht genau identifiziert werden. Schachner nimmt eine Schachtel, geht voran. „Wenns ihr in der Nähe seids, ruf i di an, Monika, und lots euch hin“, ruft Schaunitzer ihnen hinterher. Gut 100 Meter geht es durch die abschüssige Wiese. Kurz nachdem das Duo von Schaunitzer an den richtigen Punkt dirigiert wurde, stellt sich heraus: Fehlalarm. So auch beim nächsten undefinierbaren Fleck rund 20 Meter weiter.
Während die Drohne weiterfliegt, bleibt Zeit zum Plaudern. Was hat Monika Stadler dazu bewogen, sich in der Kitzrettung zu engagieren? „Mein Mann ist Jäger. Ich aber könnte auf kein Tier schießen. Als ich von der Kitzrettung gehört habe, habe ich mir gedacht, das ist schon eher etwas für mich.“
„Da ist eins“
Dann läutet ihr Telefon erneut. Wieder stapfen Stadler und Schachner durch die Wiese, den Blick konzentriert auf das Gras gerichtet. Und tatsächlich: „Da ist eins“, sagt Stadler. Helferin und Bauer ziehen Handschuhe an, während Schachner die Schachtel mit Gras auslegt, hebt Stadler das Kitz aus seinem Versteck und legt es in die Box, die sorgfältig verschlossen wird.
Kaum fertig, läutet es wieder. Gut zehn Meter weiter hat Schaunitzer wieder etwas Verdächtiges entdeckt. Treffer Nummer zwei. „Die sind aus einem Wurf“, ist sich Schachner sicher. Warum? „Die Geiß legt die Kitze mit Abstand ab. Wenn eins vom Fuchs erwischt wird, hat das zweite eine Chance, zu überleben.“ Auch Kitz Nummer zwei wird sachte in die Schachtel gelegt, selbige dann am Waldrand verstaut.
Kurz nach 7 Uhr ist die Suche abgeschlossen. Es ist bei den beiden Kitzen geblieben. Bernhard Schachner erklimmt seinen Traktor und macht sich ans Mähen. Der ein bis zwei Tage alte Rehnachwuchs harrt derweil in der Box aus, seine Retter packen ihr Equipment ein. Auch in den kommenden Tagen werden etliche Teams im Einsatz sein – um so viele Kitzleben wie möglich zu retten.