Eine der legendären Arbeitersiedlungen des „Roten Wiens“ liegt in der Hoffingergasse im Südwesten der Bundeshauptstadt. Solveig Bachlehner lebt in dritter Generation in der Reihenhaussiedlung aus den 1920er-Jahren. Ihr Großvater, Alois Kriegler, kam als Tischlergeselle auf der Walz aus Schlesien nach Wien. Mit seiner Frau Marie und dem ersten Sohn lebte er in einer winzigen Wohnung im Arbeiterbezirk Margareten.

Nach dem Ersten Weltkrieg und sechs Jahren Gefangenschaft schlossen er und seine Frau sich der Siedlerbewegung an. Ein eigenes kleines Haus mit Garten zur Selbstversorgung und ein Leben in einer unterstützenden Gemeinschaft – das war ein gewaltiger Schritt der Lebensverbesserung der Familie.

Architekt der Anlage ist Josef Frank, Visionär der „menschlichen Moderne“. Mit dem Bau der Siedlung Hoffingergasse für die Genossenschaft Altmannsdorf-Hetzendorf zwischen 1921 und 1924 schuf er das Vorbild für eine damals in Mitteleuropa neue Form des Wohnens.

Warum die Siedlung Hoffingergasse revolutionär war

Die Wohnfläche der 286 Reihenhäuser betrug rund 50 m2, dazu kamen ein Veranda- und Stallanbau und ein 300 m2 großer Garten. Die Häuser sind in geraden Zeilen, meist ost-westorientiert angeordnet und alle schlicht und gleich gestaltet. Nicht mehr um die Fassaden zur Straße ging es, sondern um die Öffnung des Hauses zum Garten. „Sommerarchitekt“ nannte ein zeitgenössischer Bericht in der Arbeiterzeitung Josef Frank aufgrund der engen Beziehung zur Natur. Gänzlich neu war auch die Einführung der offenen Wohnküche.

Das Siedlerhaus sollte mehr als das physische Überleben und das Funktionieren als Arbeitskraft ermöglichen, vielmehr sollte es eine Bühne der Persönlichkeitsentwicklung sein. Die Häuser in Erbpacht waren von ihren Bewohnern mit enormem Eigeneinsatz erbaut worden. 2000 Arbeitsstunden musste jede Familie beim Bau leisten, die fertigen Häuser wurden schließlich zugelost.

Selbstversorgung aus dem Garten als Wohnkonzept

Die Siedler sollten sich durch ihren Garten weitgehend selbst versorgen können. Die Genossenschaft veranstaltete Kurse zum Obst- und Gemüseanbau, zur Kleintierzucht und zum gesunden Essen. Im Genossenschaftshaus konnten und können sich die Bewohner Werkzeuge leihen.

Aber auch die Architektur sorgte für die entsprechenden Voraussetzungen: Obstspaliere an den Fassaden, bepflanzbare Pergolen im Garten; Vorgärten und eine Allee machen bis heute auch die umgebende Stadt grüner. Solveig Bachlehners Großvater zog in seinem Garten 100 verschiedene Obstsorten. Bei der „1. Blumen-, Obst- und Kleintierausstellung“ der Genossenschaft im Jahr 1930 erhielt er ein Ehrendiplom, das heute gerahmt in ihrem Wohnzimmer hängt.

Wohnen in der Hoffingergasse über drei Generationen

Die Psychotherapeutin bewohnt das Nachbarhaus der Großeltern, das ihre Mutter in den 1970er-Jahren von den kinderlosen Nachbarn geerbt hatte. Die Mutter verlegte die Küche in die Veranda und das Bad in den ehemaligen Stall. Die dreiteiligen Glastüren, die die Wohnküche zum Garten öffneten, fielen den Modernisierungen zum Opfer. Bachlehners verstorbener Mann baute mit Gespür für die alte Substanz einen neuen Wintergarten aus Holz an. Die Wohnfläche erweiterte sich von den ursprünglich 50 auf 90 m2.

Zwischen Wohn- und Vorraum zog Bachlehner eine leichte japanische Schiebewand ein und verwendete damit intuitiv ein Element, das Josef Franks Architekturvorstellung entspricht. Ihr Haus ist eines der wenigen in der Siedlung, in dem die schöne originale Holzbalkendecke auch heute noch den Raumeindruck bestimmt.

Langlebige Architektur mit hoher Lebensqualität

Vom Vorraum führt eine steile schmale Stiege – ohne Geländer! –, wie man sie aus holländischen Häusern kennt, ins Obergeschoß mit den zwei, ursprünglich drei Schlafzimmern. Eine derartige Stiege würden die Bauvorschriften heute nicht mehr erlauben – aber auch der experimentelle Bau der Siedlung war vor hundert Jahren nur durch Ausnahmen von der Bau- und Brandschutzordnung möglich. Alles ist äußerst effizient und sparsam dimensioniert, wie der Einbauschrank unter der Stiege.

Das Obergeschoß ist im Wesentlichen im ursprünglichen Zustand – bis hin zu den Türen und zur Deckenlampe aus Opalglas. Bachlehner hat auch den alten Obstgarten erhalten und pflanzt in Hochbeeten selbst Gemüse an. Generell wird der Lebensmittelanbau heute in der Siedlung wieder praktiziert.

Wenn die Siedlungshäuser seit den 1960er-Jahren auch durchwegs stark verändert wurden, hat sich an der hohen Wohnqualität, die hier vor hundert Jahren geschaffen wurde, nichts geändert. Heute stellen diese grünen Idyllen mit ihren günstigen Mieten und kurzem Fußweg zur U-Bahn-Station einen Luxus dar.