Eine Verkettung unglücklicher Umstände sorgte im Februar bei der Verleihung der BAFTA-Awards – dem bedeutendsten Filmpreis Großbritanniens – für einen Skandal. Während die afroamerikanischen Schauspieler Michael B. Jordan und Delroy Lindo die Bühne betraten, wurde aus den hinteren Rängen das N-Wort in Richtung Bühne gerufen. Ein Ausrutscher, den der schottische Aktivist John Davidson – vor Ort, um den eigenen Film zu präsentieren – nicht bewusst steuern kann.
Davidson hat das Tourette-Syndrom und dazu noch eine der schwersten Formen. Neben nonverbalen Tics neigt er zur Koprolalie, dem unkontrollierten Aussprechen obszöner und beleidigender Begrifflichkeiten. Bei dieser Ausprägung des Krankheitsbildes greift das Hirn zu den Tabuworten, die in der Situation am unangemessensten wären. Rassistische Beschimpfungen, Beamtenbeleidigung, der eigentlich nicht gewollte Wunsch, das Gegenüber würde doch endlich seiner Krebserkrankung erliegen. Selbst als Davidson 2019 vom britischen Königshaus einen Orden für seine Verdienste überreicht bekommt, kann er sich nicht helfen. „Fuck the Queen!“, brüllt er damals durch den Holyrood Palace in Edinburgh, wie sein Film in einer köstlichen Eröffnungssequenz Revue passieren lässt. Filter gibt es keinen. Heilmittel ebenso nicht. Es bedarf primär mehr Aufklärungsarbeit, um Erkrankten notwendige Sichtbarkeit zu verschaffen und erste Samen der Toleranz zu säen.
Eine missverstandene Krankheit im Rampenlicht
In seinem fünffach BAFTA-nominierten Spielfilm „I Swear“ (plump eingedeutscht als „Verflucht normal“) verneigt sich Regisseur Kirk Jones vor dem ehrenvollen Dienst, den Davidson der Tourette-Community erwiesen hat. Dynamisch springt das Biopic zwischen den Jahrzehnten. Es entführt nach dem königlichen Exkurs zu Beginn zurück in die Achtzigerjahre – dem Moment, als der Pubertätsanbruch nicht nur den Hormonhaushalt des damals 12-Jährigen durcheinander bringt. Er entwickelt motorische Störungen, es folgen Wutausbrüche und wüste Beschimpfungen, die dem Buben entweichen. Nach einem weiteren Zeitsprung steht fest: dieser junge Erwachsene (zu Recht mit vielen Preisen bedacht: Robert Aramayo) leidet an einer seltenen neuropsychiatrischen Störung. Des einen Leid, des anderen Freud. Während sein nahes Umfeld John meidet, nimmt ihn Dottie (Maxine Peake) – Mutter eines Kindheitsfreundes und ehemalige Krankenschwester – unter ihre Fittiche. Warum sollte er sich für sein Verhalten entschuldigen, für das er selbst nichts könne? So ihre Philosophie und die dieses locker-flockigen Aufklärungsstücks.
Obwohl der Film die Stigmata von Tourette nicht ausblendet, suhlt man sich nicht in reiner Betroffenheit. Regisseur Jones und dem realen John war es wichtig, sich den Menschen hinter der Diagnose zu nähern. Mit einer inszenatorischen Leichtigkeit, die nicht ganz klischeebefreit sein mag, das Pathos aber meidet. Die Oberfläche täuscht: dieser Feel-Good-Film hat weit mehr Substanz, als es der frankophil anmutende Verleihtitel vermuten ließe. Überfällige Sensibilisierungsarbeit trifft auf schottisches Lokalkolorit, das sich – in diesem Fall – gerne auch im Ton vergreifen darf.