Syrien am Scheideweg: Der Euphorie folgt Ernüchterung
Die politische Lage in Syrien scheint sich weiter zu stabilisieren. Ein Lokalaugenschein zeigt aber auch Schattenseiten. Die Leidtragenden sind wie so oft Kinder.

Interessiert beobachtet eine Familie vom Balkon eines fensterlosen Hauses aus die fotoknipsenden Journalisten, die eine Caritas-Delegation in Syrien begleiten. Hier in Dschobar, einem Vorort von Damaskus, dürfte es nicht oft vorkommen, dass Autos halten, denn diese Nachbarschaft existiert im Grunde nicht mehr. 95 Prozent der Gebäude – einst Zuhause von 50.000 Menschen – wurden im Krieg zerstört.
Bewohner finden ihre zerstörten Häuser in den Trümmerfeldern nicht mehr
Betreten werden kann nur ein kleiner Bereich, unter den noch nicht entminten Schutthaufen schlummert eine tödliche Gefahr. Bei der Weiterfahrt zeigt sich, dass von dem Gebäude mit der Familie die Rückseite fehlt. Der Blick in die offenen Wohnungen lässt einen ratlos zurück. Bittere Armut und ein Mangel an Wohnraum zwingen Familien in Situationen wie diese. In anderen Gebieten ist die Zerstörung noch größer: Lokale Caritas-Mitarbeiter berichten von Rückkehrern, die die Überreste ihrer Häuser nicht finden konnten, weil der Verlauf der Straßen in den Trümmerfeldern nicht mehr auszumachen ist.
Die Euphorie nach dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 war groß. Doch auch wenn sich die Sicherheitslage in vielen Teilen des Landes stabilisiert hat, ist die Lebensrealität für Millionen Syrerinnen und Syrer ernüchternd. Selbst in den intakten Städten gibt es nur ein paar Stunden Strom pro Tag. Wann und für wie lange er aufgedreht wird, ist oft unklar. Dennoch vervielfachte sich der Preis in den letzten Monaten. Zumindest ein wenig Elektrizität liefern PV-Paneele, die auf vielen Hausdächern zu sehen sind. Doch auch dafür braucht man Geld und Platz.

Das einzige Möbelstück ist kaputt
Fadila hat weder noch. Die 37-jährige Mutter begrüßt uns mit ihren fünf Kindern in einer kleinen, kalten Wohnung in Damaskus. Der Holzofen in der Mitte des dunklen Zimmers hat wohl schon länger nicht mehr gebrannt. Licht spendet nur eine in schwachem Kaltweiß leuchtende Energiesparbirne. Das einzige Möbelstück, eine schlichte gepolsterte Bank, ist kaputt.
Fadila kommt aus Nordsyrien, musste aber wegen des Krieges immer weiter fliehen, bis sie schließlich in Damaskus landete. Sie floh aber nicht nur vor dem Krieg, sondern auch vor ihrem Ehemann, der immer gewalttätiger wurde und ihr Geld wegnahm, um seine Süchte zu finanzieren. Aus diesem Grund zwang er auch die älteste Tochter, Nassima (10), zum Arbeiten, anstatt sie in die Schule gehen zu lassen.

Fadila bezeichnet ihre Kinder als ihre größte Stärke, aber auch als ihre größte Schwäche, da sie mit der lähmenden Furcht lebt, dass deren Vater sie wiederfinden könnte und die Kinder nicht mehr gehen lässt. Trotz allem versucht sie, nach vorne zu blicken. Dabei hilft ihr ein Caritas-Programm, mit dem sie ihre Fähigkeiten als Näherin ausbaut, samt der wirtschaftlichen Kompetenz, die ihr und ihrer Familie bald ein besseres Leben ermöglichen sollen. Um die stark gestiegenen Kosten für Miete und Lebensmittel zu decken, bekommt sie derzeit finanzielle Nothilfe, die sie durch morgendlichen Verkauf von Brot am Straßenrand aufzubessern versucht.
Einigung mit Kurden
Nach monatelangen Spannungen und einer militärischen Offensive im Nordosten Syriens einigten sich die syrische Übergangsregierung und die kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) am Wochenende auf ein Abkommen, das die Integration kurdischer Kräfte in staatliche Strukturen vorsieht und die jahrzehntelange Kontrolle autonomer kurdischer Gebiete beendet.
Enorme Last auf den Schultern einer Zehnjährigen
Zudem erhält die kriegstraumatisierte Familie psychosoziale Betreuung. Das hat vor allem Nassima geholfen, als sie in der Schule gemobbt wurde. Jetzt geht sie wieder gerne hin. Ihr Lieblingsfach ist Mathe. Auf eine unbeschwerte Kindheit wird sie dennoch nie zurückblicken können – auf ihr lastet das Bewusstsein, dass sie als älteste Tochter künftig zur Versorgung der Familie beitragen müssen wird: „Ich bemühe mich, gut in der Schule zu sein, damit ich meiner Familie helfen kann.“
„Ich fühle mich jetzt sicher“
Wie sie die politische Lage wahrnimmt, kann oder will Fadila nicht kommentieren, nur so viel: „Ich fühle mich jetzt sicher.“ Will man sich im Land zu diesem Thema umhören, ist es aufgrund jahrzehntelanger Repressalien oft schwer, Antworten zu erhalten.
Dass man Missstände unter der Regierung des neuen Machthabers Ahmed al-Scharaa nun offen ansprechen kann, nutzt dem armen Großteil der Bevölkerung aber ohnehin wenig. Die Lebenshaltungskosten sind zuletzt unter anderem durch ausgefallene Subventionen massiv gestiegen; Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen sind in einem katastrophalen Zustand. Kinder, die im Müll nach Essen suchen, gehören im heutigen Syrien zum Alltag. Gleichzeitig laufen internationale Investitionen nur schleppend an, dazu streichen immer mehr Länder ihre Beiträge für internationale Entwicklungshilfe.
Appell an internationale Gemeinschaft
Daher appelliert Alexander Bodmann, Vizechef der Caritas Österreich, im Gespräch mit der Kleinen Zeitung: „Syrien steht auf einem Scheideweg. Wir haben hier viel Hoffnung, gleichzeitig aber auch viel Verunsicherung gesehen, wie es mit den neuen Machthabern weitergeht. Die internationale Gemeinschaft muss hier hinschauen und investieren, um den Menschen Hoffnung und Zuversicht zu geben.“
Die Pressereise erfolgte auf Teileinladung der Caritas Österreich. Mehr zu den Projekten und Spendeninformationen finden Sie hier.