SOS Kinderdorf: „Den Herrn Gmeiner hatten wir aber alle so gern“
Bewohnerin der ersten Stunde im SOS Kinderdorf in Stübing berichtet von schrecklichen Erlebnissen. Für den Gründer legt sie ihre Hand ins Feuer: „Er war ein wunderbarer Mensch.“
Wenn Hermann Gmeiner ins SOS Kinderdorf kam, dann war das ein besonderer Tag. Beim Abendappell gab es ermutigende Worte, in den gemeinsamen Sommerlagern war die Stimmung ausgelassen. Mit Chauffeur und Leibwächter habe er immer einen großen Auftritt hingelegt. Negative Erlebnisse gab es keine. So zumindest berichtet es eine heute 65 Jahre alte ehemalige Bewohnerin des Kinderheims in Stübing. „Wir hatten ihn unglaublich gern, er war ein wunderbarer Mensch“, sagt sie. „Das sagen auch die Buben“, schiebt sie hinterher.
Die ehemalige Bewohnerin ist schockiert von den Vorwürfen der sexuellen Misshandlung, die gegen den Gründer von SOS Kinderdorf bekanntwurden. Glauben kann sie das alles nicht. Hunderten Kindern von damals würde es ähnlich gehen. Mit Unterschriftenlisten und Gruppen in Sozialen Medien versuchen damalige Bewohner nun, ein anderes Bild zu zeichnen. Und das, obwohl bisher mindestens acht Personen von der Einrichtung aufgrund ihrer Schilderungen sexueller Übergriffe finanziell entschädigt wurden.
Kinder wurden versteckt
Dass man die Besuche Gmeiners mit so positiven Erinnerungen verbindet, könnte auch einen weniger schönen Grund haben. Auch im Dorf in Stübing wurden Kinder und Jugendliche massivst misshandelt. „Der Dorfleiter und zwei Mütter waren Monster, die die Kinder dumm und dämlich gedroschen haben. Das kann man sich nicht vorstellen. Diese Menschen haben über uns geherrscht“, erzählt die Frau. Wenn Gmeiner da war, sei das nicht passiert. Jene Kinder, deren Verletzungen durch die Schläge nicht mehr zu verbergen waren, habe der Gründer dann nicht zu Gesicht bekommen. „Wenn jemand zu dieser Zeit homosexuell war, hatte er es schon schwer genug. Der Gmeiner musste das alles verbergen“, sagt sie.
Sie selbst habe mit ihrer Mutter noch Glück gehabt. Eine Heilige sei sie nicht gewesen, aber auch nicht so gewalttätig wie die anderen. Immer wieder sei sie stundenlang in den dunklen Keller gesperrt worden. Sich sicher fühlen konnte man auch dann nicht, wenn die „Pädagoginnen“ im Urlaub waren. „Ihre Vertretungen haben wir Tanten genannt. Die waren oft noch brutaler“, sagt die 65-Jährige, der viele Jahre später eine Opferpension zugesprochen wurde.
Das Leben danach
Die Probleme endeten damals nicht in den Heimen. Die Zeit danach war für viele kaum besser. Auf das Erwachsensein wurde niemand vorbereitet. „Wir hatten nichts als wir hinausgingen, und wir wussten auch nichts. Es gab keinen Schutz und keinen Halt“, schildert das Opfer eine weitere Lücke in einem System voller Fehler. In den Häusern sind Freundschaften und Beziehungen entstanden. Der Kontakt hält in manchen Fällen auch heute noch. Nicht alle haben das Leben außerhalb der Kinderdorfmauern verkraftet. Die innerhalb der Mauern erlebten Misshandlungen haben das nur noch verstärkt. Nicht wenige ehemalige Bewohner landeten ohne viele Umwege in Drogen- und Rotlichtmilieus. „Mich hat Gott geschützt. Er hat mich aufgefangen. Alleine hätte ich das nicht geschafft“, sagt sie.

