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Der Meisterfotograf, der in keine Schublade passt

Mit Witz, absoluter Ernsthaftigkeit und großer Beobachtungsgabe: Meisterfotograf Henri Cartier-Bresson im Foto Arsenal.

Henri Cartier-Bresson: Neapel, 1960
© Fondation Henri Cartier-Bresson / Magnum Photos
Henri Cartier-Bresson: Neapel, 1960
Susanne Rakowitz
Redakteurin Kultur & Medien

Man kennt Henri Cartier-Bresson (1908–2004), also zumindest denkt man das. Die Kunstmaschinerie hat ihn und sein Werk gut portioniert dargereicht – als Bildbände, Kunstdrucke und vor allem als Postkarten in Museen, Galerien und Designshops. Jedem sein Stück Henri und da hätten wir auch schon das Problem, denn als Fotograf gibt es ihn vielfach – sein fotografisches Auge war so facettenreich, dass man ihn nicht in die eine Schublade stecken konnte.

Henri Cartier-Bresson: Coronation of King George VI, London, England, 12 May 1937
© Fondation Henri Cartier-Bresson / Magnum Photos
Henri Cartier-Bresson: Coronation of King George VI, London, England, 12 May 1937

Das Wiener Foto Arsenal widmet dem Fotografen und Mitbegründer der Fotoagentur Magnum noch bis 21. September eine umfassende Retrospektive. „Watch! Watch! Watch!“ (Kurator Ulrich Pohlmann) setzt naturgemäß dort an, woran der Franzose in jungen Jahren sein Auge schult, ja fast schon prägt und das weit über das reine Ablichten hinausgeht. Cartier-Bresson kommt in den 1920er-Jahren mit dem Surrealismus rund um André Breton und René Magritte in Berührung, schulte sich im „Neuen Sehen“ und inhalierte die Theorie, die er auch in die Praxis umsetzen konnte. Für ihn war das Fotografieren das „Erkennen eines Rhythmus von Oberflächen, Linien und Werten in der Realität. Die Komposition ist darin eine simultane Koalition, die organische Koordination visueller Elemente.“

Henri Cartier-Bresson: West Berlin Wall, Germany, 1962
© Fondation Henri Cartier-Bresson / Magnum Photos
Henri Cartier-Bresson: West Berlin Wall, Germany, 1962

Was so technisch komplex daherkommt, war das Grundgerüst seiner Fotografie – das blitzschnelle Erkennen von anfangs noch surrealen, witzigen Alltagssituationen, die nie nur der reinen Ästhetik geschuldet waren, sondern meist auch mit einem gesellschaftspolitischen Subtext versehen waren. Da wäre etwa die Ablichtung der Krönungsfeier von König George VI in London 1937, Cartier-Bresson lichtet nicht den Pomp ab, sondern jene, die den Pomp bestaunen. Dass man ihn den „Meister der Street Photography“ nennt, zeigt sich in diesen Fotografien.

Fotograf Henri Cartier-Bresson
© imago stock&people
Fotograf Henri Cartier-Bresson

Doch es gibt noch den anderen Henri Cartier-Bresson, der in Kriegs- und Krisengebieten im Einsatz ist, der diese Verspieltheit ablegen kann und sie durch Neugierde, dokumentarische Distanz, aber auch mitmenschliche Wärme ersetzen kann. Selbst drei Jahre Kriegsgefangener in Deutschland, wird er, unter anderem in den Durchgangslagern bei Dessau, die Tage nach der Befreiung in eindringlichen Zeitdokumenten festhalten. Und da wäre dann noch der Weltreisende, der Porträtist zahlreicher Berühmtheiten und, und, und. All das macht ihn greifbar, aber die Leistung bleibt unfassbar.

 Pallas Athene, Christine de Grancy / Anzenberger
© Christine de Grancy
Pallas Athene, Christine de Grancy / Anzenberger

Eine, für die Henri Cartier-Bresson ein Vorbild war, ist die Wiener Fotografin Christine de Grancy (1942-2025). Ihre steinernen Gottheiten auf Wiener Dachlandschaften sind in einer kleinen Schau ebenso im Arsenal zu sehen. Durch die Kamera der Fotografin gesehen, tummeln sie sich dort mit betörender Lebendigkeit!

„Henri Cartier-Bresson. Watch! Watch! Watch!“ und „Christine de Grancy. Über der Welt und den Zeiten“. Bis 21. September im Foto Arsenal Wien, Objekt 19A, 1030 Wien. fotoarsenalwien.at