Sanieren statt neu bauen: „Der Bestand ist unsere Klimachance“
Die große Bauwende entsteht nicht auf der grünen Wiese, sondern in unseren Städten. Peter Engert, Geschäftsführer der Österreichischen Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft (ÖGNI), plädiert für einen radikalen Perspektivenwechsel. Weg vom Neubau, hin zum bewussten Weiterbauen.

Das ganze Interview zum Ansehen:
Warum ist der Gebäudebestand so entscheidend für die Klimaziele?
Peter Engert: Ein großer Teil unserer Gebäude wurde vor über 100 Jahren errichtet, ohne Wärmedämmung, ohne moderne Haustechnik. Trotzdem werden sie täglich genutzt. Sanierung ist hier der Schlüssel: Sie spart Energie, reduziert CO₂-Emissionen und schützt Ressourcen wie Beton, Stahl oder Ziegel. Wir müssen erkennen: Der nachhaltigste Quadratmeter ist der, der bereits gebaut wurde.
Wo liegt das größte Hindernis bei Sanierungsprojekten?
Peter Engert: Die Technik ist nicht das Problem, da gibt es längst tolle Lösungen. Schwieriger ist der rechtliche Rahmen: komplizierte Eigentumsverhältnisse, lange Genehmigungsprozesse, unklare Zuständigkeiten. Auch das Mietrecht macht Investitionen in den Bestand oft unattraktiv. Viele Projekte scheitern nicht am Können, sondern am Dürfen.
Was müsste sich ändern, damit mehr saniert wird?
Peter Engert: Wir brauchen klare politische Leitplanken. Die Gesetzgebung muss sich am Bestand orientieren, nämlich sowohl im Wohnrecht, in der Raumplanung und in der Förderung. Sanierung muss stärker industrialisiert werden. Heute ist vieles Maßanfertigung. Wenn wir den Bestand aber als System verstehen, können wir Lösungen skalieren und damit schneller und günstiger sanieren.
Welche Rolle spielt dabei die neue EU-Gebäuderichtlinie?
Peter Engert: Die Richtlinie, die bis 2026 umgesetzt werden muss, bringt klare Ziele: Bestehende Gebäude sollen zu Nullemissionsgebäuden werden. Zusätzlich muss die Sanierungsrate steigen und zwar deutlich. Der Fokus liegt dabei auf den energetisch schlechtesten 43 % des Gebäudebestands. Das ist eine große Herausforderung, aber auch eine große Chance, endlich in Bewegung zu kommen. Das wäre ein enorm wichtiger Schritt in Richtung leistbares Wohnen.
Was entgegnen Sie dem Wunsch nach Neubau – moderner, effizienter, bequemer?
Peter Engert: Der Neubau hat seinen Platz, aber er darf nicht die Regel sein. Denn jeder Neubau bedeutet Ressourcenverbrauch und hohe CO₂-Emissionen. Oft lässt sich mit weniger Aufwand im Bestand mehr erreichen. Sanierte Gebäude können genauso modern, komfortabel und flexibel sein, mit einem Bruchteil des ökologischen Fußabdrucks.
Ihr Fazit?
Peter Engert: Sanierung ist kein Rückschritt, sondern ein Fortschritt mit Substanz. Sie bewahrt Geschichte, nutzt Bestehendes sinnvoll und schafft Zukunft mit Verantwortung. Die Klimaziele erreichen wir nicht mit neuen Stadtteilen, sondern mit mutigen Eingriffen in den Bestand.

ÖGNI – Österreichische Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft
Die ÖGNI ist eine unabhängige NGO, die sich für nachhaltiges Bauen einsetzt. Sie zertifiziert Gebäude, die ökologisch, ökonomisch und sozial verträglich sind und über Generationen hinweg funktionieren. Im Fokus stehen Gesundheit, Wohlbefinden und Effizienz für die Nutzerinnen und Nutzer.